Ein Fingerzeig

Von Hans Magnus Enzensberger

Herr Kultusminister, Herr Regierender Bürgermeister, werte Stadträte und Museumsdirektoren, sehr geehrter Herr Abs, erlauben Sie mir, eine schlichte Frage an Sie zu richten: Muß das sein? Ist dieser absurde Zirkus, den wir in den letzten zehn Jahren immer wieder erlebt haben, unvermeidlich: die Londoner Auktionen, bei denen die ganze Republik, soweit sie das Feuilleton liest, den Atem anhält, diese Bietergefechte um Altartafeln und Evangeliare, diese Sammlungen mit dem Klingelbeutel, wenn es um einen Elsheimer oder einen Watteau geht, diese Zermürbungskriege um Leihgaben und Stiftungen, die Sammlung Ströher, die Sammlung Hirsch, die Sammlung Ludwig, die Sammlung Panza und die Sammlung Scull? Ich gehöre nicht zu den Eingeweihten, ich sitze in keinem Kuratorium, ich gehe nur gern in Kupferstich-Kabinette und Museen, und ich frage mich: Warum so schlafmützig, so linkisch, so ahnungslos, solange es Zeit wäre – und so hektisch, verschwitzt und beleidigt, wenn es zu spät ist?

Ich stelle diese Fragen nicht, um Ihnen lästig zu fallen, sondern aus einem gegebenen Anlaß. Ich habe nämlich den Eindruck, daß sich ein weiteres Debakel dieser Größenordnung abzeichnet, und ich möchte beizeiten den Namen veröffentlichen, unter dem es in die Geschichte Ihrer Versäumnisse eingehen dürfte. Ich spreche von der Sammlung Winzinger. Es handelt sich dabei zum einen um einen unwiederbringlichen Fundus von altdeutscher Meistergraphik und zum anderen um eine einzigartige Privatsammlung japanischer und chinesischer Holzschnitte, Farbdrucke und Malereien. Da den meisten von Ihnen der Name Franz Winzingers wenig sagen wird, gestatten Sie mir bitte, etwas weiter auszuholen.

Die Kunst in die Hand nehmen

In meinem Elternhaus hingen keine Gainsboroughs. Diesen Mangel zu verschmerzen ist mir leichtgefallen. Ich hatte mehr Glück als Verstand. Im Hallgebäude zu Nördlingen im Ries, einem verwinkelten, düsteren Lager- und Handelshaus, das vielleicht seit dem Mittelalter kein einziges Mal ordentlich gelüftet worden ist, sind mir nämlich ein paar Meisterwerke begegnet, die den Vergleich mit den fancy pictures des englischen Rokoko-Malers glänzend bestehen. Seit Menschengedenken hatte sich in dem alten Haus am Weinmarkt die höhere Schule der Stadt Nördlingen eingenistet, und wie alle Gebäude, die der Pädagogik dienen, roch es nach Bohnerwachs, Staub und Urin. „Vor der Währung“, also zu eider Zeit, da die Hamsterer aus der Großstadt ihr Silberbesteck in den Dörfern des Ries gegen einen halben Schinken tauschten, genoß ich dort die Segnungen einer humanistischen Bildung. Die Schule hatte es mit einer Generation von Flakhelfern, Flüchtlingen, Kohlendieben und Schwarzhändlern zu tun. Die lateinischen Klassiker betrachteten wir mit nachsichtiger Ironie. Versuche, uns zum Absingen von Volksliedern und zum Abzeichnen von Blumenvasen zu veranlassen, stießen bei uns auf kaum verhohlenen Hohn. Gegen die pedantische Routine der sogenannten Kunsterziehung waren wir gefeit.

Bis eines schönen Tages im Herbst 1946 ein etwa fünfunddreißigjähriger Mann mit energischem Schritt den Zeichensaal betrat und in einem Ton, der ebenso liebenswürdig wie sarkastisch war, die folgende Erklärung abgab: Wer es vorziehe, ein Analphabet und ein Dorfdepp zu bleiben, den gedenke er nicht zu halten. Schülern, die sich in dieser Beschreibung wiederfänden, stelle er anheim, in den nächsten zwei Stunden Fußball zu spielen oder sonstigen Unfug zu treiben. Er wünsche nicht, ihre Dreckpfoten auf dem, was er uns mitgebracht habe, abgedrückt zu sehen. Unsere Verblüffung war enorm. Zögernd erhob sich eine Schar von Sportsfreunden und verließ unter den heiteren Blicken Dr. Franz Winzingers, denn er war es, mißtrauisch den Zeichensaal.