Hervorragend

The Voodoo-Gang: „Return of the Turtle“. Es geschieht schnell, daß man von diesen „alten und neuen Liedern aus Afrika“ fasziniert ist. Sie sind viel weniger fremd, als zu vermuten, aber viel weniger europäisch, als zu befürchten wäre – obwohl die Musiker (die Brüder Darouiche aus Kamerun und zwei Mitspieler) sich in der Musik der Welt umgetan haben und nach eigenem Bekunden „Jazz, Beethoven und Funk“ zu verschmelzen hoffen. Sie hätten, heißt es, „Pfeffer und Ebenholz, Rhythmen und Melodien, Kraft und Anmut, eine Musik für Menschen, die mehr wollen als bloß überleben, in ihrem Korb“. Man hört sehr kunstvolle Vokalsätze, unerhört schöne Duette von Gitarre und Handtrommel, von (eher nachdenklichen als fordernden) Gesang und Perkussion. Es gibt Stücke, die nicht nur durch die geheimnisvollen Gleichnisse urwüchsig klingen. Das virtuose Gitarrenspiel wiederum erinnert lebhaft an lateinamerikanische Gewohnheiten. Die Musiker singen von Vorurteilen, Traurigkeit, Hoffnung und möchten das Elend ihres Landes „beiseitetanzen“. Durch alles hindurch spürt man einen unaufdringlichen Swing. (Enja Records 4064) Manfred Sack

Hervorragend

Johann Sebastian Bach: „Orgelwerke – Toccaten & Fugen“. Wahrscheinlich sind sie die berühmtesten, beliebtesten, am häufigsten gehörten und am besten zu verkaufenden: die d-moll-Toccata mit dem bekannten Mordent-Beginn, dann C-dur mit dem verzierungssüchtigen Adagio-Mittelteil, F-dur mit den sonoren Orgelpunkten und brillanten Pedalsoli, und die „Dorische“. Und trotz aller Bekanntheit sind die Stücke plötzlich ganz „neu“. Das d-moll-Stück: gleich ein Überraschungseffekt, denn die Triller werden hier als „lange“ mehrfach angeschlagen, die zwischen zwei Fermaten oder gebrochenen Akkorden frei zu gestaltenden Figuren sind auf eine extrem präzise erscheinende Weise fast störend exakt, die Fuge schließlich in einem der flinkesten Tempi so souverän absolviert, daß hier nur noch die Vokabel „virtuos“ genügt. Der mit einem schlichten Sesquialter ohne Tremulant disponierte Mittelteil des italienisierten Stücks wurde auf die damals übliche Manier über das schon Notierte hinaus noch mit weiteren Verzierungskünsten beinahe nach Art einer Belcanto-Primadonna ausgestattet. Die F-dur-Toccata hat plötzlich eine Abstammung aus einem Tanzsatz erhalten, während die chromatisierende Fuge zu einer erhabenen Größe sich steigert, die fast einen Vermächtnis-Charakter besitzt, wie sie eigentlich nur noch die Es-dur-Tripelfuge kennt. Raffinierte Echo-Wirkungen und lückenlos ineinandergreifende Werk-Wechsel neben brillanten Parallel-Figurationen schließlich in der „Dorischen“ – und zu all dem im Gegensatz eine ganz neue, aus dem Rhythmischen heraus entwickelte Empfindsamkeit, eine hier durch kleine Verzögerungen, dort durch plötzlich eingebrachte, fast schon das durchlaufende Metrum irritierende Beschleunigungen: Ton Koopman setzt mit dieser Aufnahme Maßstäbe nicht nur für das neuere, aber ja doch historische Orgelspiel, sondern auch für den neueren historisch informierten Hörer. Weder die Nähmaschinen-Motorik noch die privatistischen noch die klangexperimentellen Interpretationen dieser Musik des norddeutschen Barock – denn es gilt dies Prinzip durchaus für Bruhns auch und denn tehude, Weckmann und Lübeck – wird man jetzt für einige Zeit noch hören oder ertragen können. (Ton Koopman an der Rudolf-Garrels-Orgel der Grote (Ton in Maasluis; DG Archiv CD 410 999-2, der 410 999-1.

Heinz Josef Herbort