Von Beckmanns Paraphrasen zum „Faust“ bis zu Hockneys Radierungen zu den Grimmschen Märchen gibt es, auch in der modernen Kunst, eine breite Tradition der Umsetzung literarischer Vorlagen ins Bild. Daß man aber nicht nur das literarische Werk illustrieren (oder, wie es früher und schöner hieß: illuminieren), sondern auch umgekehrt das bildnerische Werk literarisieren und zu einer Geschichte fügen kann, ist eine neue Nachricht. Sie leuchtet einem allerdings unmittelbar und wie selbstverständlich ein, wenn man hört, daß Alain Robbe-Grillet zu Bildern von René Magritte eine Geschichte geschrieben hat – eine Art Kriminalgeschichte natürlich, die so voller Fragezeichen, latenter Drohungen und bizarrer Situation ist wie ein klassisch surrealistisches Bild von Magritte. Aber wie ein guter Künstler nicht einfach illustriert, sondern seinerseits imaginiert, hat auch Robbe-Grillet nicht die Geschichten der Bilder aneinandergereiht, sondern, mal ein Bild direkt zitierend und mal es als geheimnisvolle Kulisse oder im Gegensinn benutzend, eine eigene Geschichte geschrieben. Ein kleines, heiter abgründiges Werk der Wahlverwandtschaft, zu der auch der Respekt vor dem bewunderten Œuvre des Malers gehört (Alain Robbe-Grillet/René Magritte: „Die schöne Gefangene – ein Roman in 77 Bildern“, Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 155 Seiten, 16,80 DM).