Von Gunter Hofmann

Bonn, im Mai

Die ersten Regentropfen fallen ihm auf die Nase, aber noch zuckt der Alte mit keiner Wimper. Nun fängt es an zu schüttelt. Der Zauber, seufzt da der Indianerhäuptling, der sich oben auf dem Berggipfel zum Sterben niedergelegt hatte, weil er das Leben schon hinter sich sah, der Zauber wirke eben nicht immer. Zugleich bedauernd und vergnügt rappelt er sich vom Boden auf, packt den Jungen an seiner Seite und wandert mit ihm fidel ins Tal, zurück zu den Seinen.

So stellt das Sam Peckinpah in seinem berühmten Film-Epos Little Big Man dar. Es muß die Mischung aus lebenslanger Erfahrung, Melancholie, Fröhlichkeit und durchtriebenem Realismus sein, mit welcher sich der alte Indianer auf die gewandelten Verhältnisse einzustellen versteht, die dazu verleiten, ihn unwillkürlich mit Willy Brandt zu assoziieren. Da gibt es Parallelen. In dieser Mischung aus heiterer Abgeklärheit hat Brandt schon auf die girlandenumwobenen Feiertagsreden zu seinem 70. Geburtstag vor wenigen Monaten zurückgefrozzelt: „Was wollen die Brüder eigentlich noch sagen, wenn sie dich zu Grabe tragen?“

Selbstironie und Selbstwertgefühl, Distanz zu seiner Partei und Nähe zu ihr – das alles schwang damals mit, wie er über sich, sein Leben und sein Verhältnis zur SPD reflektierte. So, ungefähr, wird Willy Brandt vermutlich wieder empfinden und reagieren, wenn am kommenden Sonntag die Genossen ihm offiziell in einer Feierstunde zu seinem großen Jubiläum gratulieren: zwanzig Jahre und vier Monate steht er an der Spitze der SPD. Nur August Bebel führte sie länger. Und an Abschied denkt Brandt nicht. Irgendwann, da meint man sicher zu sein, wird er dem alten Indianerhäuptling Sam Peckinpahs vollends ähneln.

Heute ist Willy Brandt, der so oft scheinbar am Ende war oder nicht weiterwollte, stärker und unangefochtener, manche meinen: mächtiger denn je. Mit der Gunst der Umstände allein laßt sich das nicht ganz erklären.

In den zwanzig Jahren als Parteivorsitzender, gewiß auch in seiner kurzen Kanzler-Zeit, konnte Brandt sich nie ähnlich frei fühlen wie heute. Das ist der Vorteil, wenn man ist, was man werden will. Obendrein sind Herbert Wehner und Helmut Schmidt heute für die SPD fast schön Erinnerung. Die Uhr dreht sich wirklich schnell. Beide hatten mit Brandt über Spielräume, Ziele und Grenzen der SPD mitbestimmt. Sich da zu behaupten, war manchmal ein Überlebenskampf,