ARD, Donnerstag, 10. Mai: „Die ’Belle Epoque’“, Melodien aus der Zeit der Jahrhundertwende.

Diese Sendung, eine Wiederholung, möchte ich gern noch ein drittes Mal sehen: da capo, Herr Kapellmeister, Fritz Maldener am Piano! Beifall für den Klavierspieler, die Orchestermitglieder und Sänger, Schauspieler und Conferenciers, den Regisseur Theopold, den Ausstatter Strehlow und die ganze Gesellschaft, die eine dreiviertel Stunde lang vorexerzierte, wie amüsant, geistreich und frech eine musikalische Unterhaltungssendung sein kann, wenn die richtigen Leute, vom Jazz-Pianisten bis zur Gruppe musizierender Akademiker, die richtigen Einfälle in der richtigen Form darbieten können.

Ein Salon-Orchester, sieben Herren und eine Dame, wenn ich richtig gezählt habe (es könnten, mit dem Stehgeiger, auch neun gewesen sein), spielte Passagen aus der Sinfonie mit dem Paukenschlag, der Träumerei und dem Türkischen Marsch mit einer Bravour, die Komik schon wieder glaubwürdig machte und der Parodie ein ganz klein bißchen Authentizität verlieh: gerade genug, um die Grenze nicht zu überschreiten, hinter der Witz in Klamauk übergeht... doch diese Grenze eben wurde während der ganzen Sendung nie aus den Augen verloren – einerlei, ob die Dame des Hauses, die einem imaginären Hauskonzert präsidierte, in der Rolle des Prinzen Orlofsky den König aller Weine feierte, ob die gleiche Dame – als decolletierte Elisabeth von Thüringen – den in Frack und großer Robe einziehenden Gästen zurief: „Sie sind!s Sie kehren heim!“, ob der Maître de plaisir des Abends sich plötzlich mit einer zur Abendtoilette passenden Augenbinde präsentierte, um das Salon-Orchester bei wallenden Nebeln in eine Walhall beschwörende Genossenschaft zu verwandeln oder ob Götterdämmerungsweisen, ebenso stilecht wie lustig, in die Melodie der Süßen Nacht übergingen, die, wie man weiß, bekanntlich das Verlangen stillt.

Schlag auf Schlag, und keine einzige Länge, kein Geblödel und, besonders zu rühmen, kein übertriebener Aufwand! Statt dessen: Eine Handvoll Studenten, die das Kunststück fertigbrachten, hier einen ganzen Männergesangverein zu parodieren und dort die Comedian Harmonists fröhlich Urständ feiern zu lassen. Mal Wagnerscher Baß, mal Falsett – Wechsel der Töne, Stilarten, Darbietungsformen am laufenden Band. Ein Gedicht von Otto Julius Bierbaum mit dem Gebet einer Jungfrau konfrontiert („Gebet einer Jungfrau?“ Gebet einer Jungfrau! „Na denn!“); die Ballade Stürmisch die Nacht durch Freut Euch des Leben verfremdet, Sentimentalität mit Hilfe vermeintlichen Tiefsinns ad absurdum geführt: „Und jetzt: Großmütterchen“ (Pause) „Gustav Lange“ (Pause) „opus 20“ (Lange Pause) „Länaler“.

Der Bettelstudent und Die letzte Rose, Tannhäuser (Herren im Frack machten vor stierblickig dreinschauenden Damen eine Tanzstundenverbeugung) und die Post im Walde: Ich werde dergleichen auf lange Zeit nicht mehr hören können, ohne an den Jazz-Pianisten aus Saarbrücken zu denken – an ihn und die Mannschaft, die mit Kastratenstimme Komm, Karlineken, komm sang und die Träumerei in einer Weise intonierte, die allen Stehgeigern der Welt annoncierte: So und nicht anders, Freunde, will Schumann gespielt sein.

Da capo, wie gesagt, aller guten Dinge sind drei. Momos