Eine propere Pofalte macht noch keinen Frühling, auch nicht in der Kunst. Aber wenn der verlängerte Rücken einer der „Drei Grazien“ von Antonio Canova gleich zweimal abgelichtet wird (einmal in Milch-und-Honig-Tönen und einmal schwarzweiß), dann fragt man sich, was das wohl soll. „Für mein Photographenauge“, antwortet der verantwortliche Herr, „ist Canovas Kunst einzigartig in ihrer Delikatesse, Anmut und Sinnlichkeit“. Mit anderen Worten: zum Anbeißen. Aber wenigstens zitiert der Autor, der zu den Wahrnehmungen des Photographen den Kommentar schrieb, fairerweise die alte Frage: war Canova (1757-1822), der renommierteste Bildhauer des Klassizismus, ein ungewöhnlich inspirierter Handwerker oder eine Art Heiliger? Da in der Klassifizierung der Künstler die Kategorie des Heiligen nicht existiert, nicht einmal seit anno Beuys, bleibt wohl nur der Handwerker übrig. Und bei dem erstaunt in der Tat die Perfektion, mit der er das von dem deutschen Archäologen und Kunsthistoriker Winckelmann formulierte Programm der Wiederentdeckung der Antike in eine die griechische Klassik nachempfindende Skulptur umsetzte. Daß der Klassizismus, mit dem sich zum erstenmal ein Kunststil international durchsetzte, in einer unsicheren Zeit (der Ausbruch der Französischen Revolution ist stellvertretend für Turbulenzen aller Arten) als Kunst des Intellekts und der Aufklärung galt, will heute schwer vorstellbar erscheinen. Denn nicht diese Kunst des „Als ob“, nicht diese aus einem ethischästhetischen Gefühlskanon von Wahrheit, Schönheit und Reinheit geschaffenen Halbgötter in Marmor haben die Zeit über sich selber aufgeklärt, sondern die schwarzen Bilder des Francisco Goya. Der allerdings wurde von eben diesen Zeitgenossen, die für Canovas Klassik aus zweiter Hand schwärmten, nie als Heiliger angesehen. Um auf die „Drei Grazien“ zurückzukommen: Sinnlich wird durch die Detailaufnahme nichts, Sinnlichkeit war bei Canova, über den die Aufnahmen in toto bessere Auskunft geben, auch nicht intendiert (David Finn/Fred Licht: „Antonio Canova“, Hirmer Verlag, München, 279 S., 198 DM).