Es ist höchste Zeit, die Schönheiten des 19. Jahrhunderts zu entdecken!“

Walter Benjamin forderte dies in seinem Werk „Pariser Passagen“. Wie kein anderer deutscher Schriftsteller ging er selbst mit bestem Beispiel voran. Er studierte Treppenaufgänge, Fensterdekorationen und Ladenschilder, selbst Pflastersteine und Toreinfahrten wurden zum Symbol. Benjamin widmete sich dem Kern dieser „Landschaft aus lauter Leben gebaut“, wie Hofmannsthal die Seine-Stadt einmal rühmte. Der Industrie-Gürtel um Paris, jene auf den ersten Blick verwirrende und doch so klar geordnete Landschaft aus Fabrikbauten, Dock-Anlagen und Lagerhallen, zum großen Teil ebenfalls aus dem 19. Jahrhundert stammend, diese weitläufige Gegend war dem Flaneur wohl zu anstrengend. Dennoch repräsentiert heute gerade sie den Charme einer zu Ende gehenden Epoche.

Man passiert den Gürtel, wenn man mit Taxi, Autobus oder der neuesten Metro zum ultramodernen Flughafen „Roissy-Charles de Gaulle“ fährt; oder wenn man mit dem Vorort-Bus einen Ausflug unternimmt, bevorzugt in „La Plaine Saint-Denis“. Man erlebt eine Landschaft, bei der man gleich erkennt, wie sehr sie gegenwärtig im Umbruch begriffen ist: die Industriewelt des letzten Jahrhunderts. Sie steckt voller Schönheiten und Denkmäler, voller Zeugen der Macht und des Verfalls. Gewaltige Maschinenfabriken samt Hangaren, Montagehallen und Lagerplätzen sind schon geschlossen; die Verladestätten verrosten. Pharmazeutische Betriebe aus den Anfangen der Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts verrotten; Silos, Pressanlagen und Mischgruben verstauben. Auf den Schloten wuchert Moos.

Die für diese Ära so klassischen Bauwerke mit ihrem eigenartigen Architektur-Stil werden von der Entwicklung verdrängt, mit jener dem Industriebetrieb ureigenen Schnelligkeit und Gefühllosigkeit. Lächerlich kurze Fabrikschlote stehen da neben riesigen Lagerhallen, alle in ordentlichen Längsreihen ausgerichtet.

Gelegentlich werden die dem Untergang geweihten Gebäude neuen Bestimmungen zugeführt. So ist zum Beispiel im alten Gaswerk, ein frühes Zentrum der Hochindustrialisierung, heute der Rechnungshof untergebracht. Wo früher in der „Avenue du President Wilson“ Gas erzeugt wurde, stapeln sich jetzt die Akten.

„Die Pariser Region war umgeben von wichtigen Gaswerken. Im Norden stand zum Beispiel das Werk von Gennevilliers. Bis vor einigen Jahren erhoben sich hier auch noch umfangreiche Gasometer.“ Monsieur Guillet ist leitender Angestellter im Forschungszentrum von „Gaz de France“. Es liegt den Gebäuden des alten Gaswerks genau gegenüber. Er blickt täglich von seinem Fenster auf die fünf Stockwerke aus dunkelrotem Backstein, die zusammen wie ein gigantischer Klotz wirken. Daneben erstrecken sich weitläufige Flächen ungenützten Bodens. Hier standen wohl einst die mächtigen Gasbehälter.

Überdimensionale Graffiti fordern an der Außenmauer heute alle Kommunisten zum Streik auf. Wenig hoffnungsfroh wirkt die Inschrift daneben: „Dieses Werk darf nicht sterben!“ In dieser eigenartigen Landschaft geht kaum jemand spazieren, nur motorisierte Menschen donnern vorüber. Die Arbeiter kommen in Gruppen aus den letzten Betrieben, werden von Bussen einzeln und nacheinander weggeschafft.

Nicht ohne Wehmut erzählt Monsieur Guillet: „Viele Gas-Fabriken um Paris wurden in den sechziger Jahren abgebaut. Die Gasometer verschwanden zwischen 1970 und 1980, der letzte wurde 1980 zerstört. Das war ein bemerkenswerter Bau. Junge Architekten wollten ein Theater aus ihm machen. Ich selbst plädierte damals für die Einrichtung eines Gas-Museums. Alle Vorschläge scheiterten am Geld. Raoul Hoffmann