Ich war damals zwanzigjährig. Man sagte mir, wenn man wirklich sich mit historischem Materialismus beschäftigen will, dann gibt es nur ein einziges Buch, nämlich ’Geschichte und Klassenbewußtsein von Georg Lukács. Ich ließ es mir gesagt sein, ging in die nächste Buchhandlung, Taschengeld hatte ich immer noch, Sohn aus wohlhabendem Hause, kaufte diesen gelb-broschierten Band des Malik-Verlages und war dann für ein weiteres halbes Jahr nicht mehr ansprechbar für anderes“ – das berichtet Hans Mayer in einem autobiographischen Gespräch; Georg Lukács selber, im Vorwort zur Neuausgabe von 1967, übertreibt wohl nicht, wenn er sich erinnert: „So übte ‚Geschichte und Klassenbewußtsein‘ eine tiefe Wirkung in den Kreisen der jungen Intelligenz aus; ich kenne eine ganze Reihe von guten Kommunisten, die gerade dadurch für die Bewegung gewonnen wurden ... Dieses Buch übte weit über die Grenzen der Partei hinaus Wirkungen aus.“ Martin Heidegger setzte dem 1923 erschienenen Band vier Jahre später mit „Sein und Zeit“ eine polemische Replik entgegen – doch kurz nach Erscheinen war das Buch für viele Jahre verschwunden. Wo lag der Sprengstoff?

Als er sich noch Georg von Lukács nannte, hatte der junge Mann aus vermögendem Budapester Hause sich mit aesthetisierenden Studien „Die Seele und die Formen“ und „Die Theorie des Romans“ einen Namen gemacht; 1920 – der faschistische Horthy-Terror raste in Ungarn – unterzeichneten so erlauchte Geister wie Richard Beer-Hofmann, Alfred Kerr, Maximilian Harden, Thomas und Heinrich Mann einen Appell, um den nach Wien Geflohenen vor der Auslieferung zu schützen: „Nicht der Politiker, der Mensch und Denker Georg v. Lukács soll verteidigt werden. Einst hatte er die Verlockungen des verwöhnten Lebens, das sein mitgeborenes Teil war, hingegeben für das Amt des verantwortungsvollen, einsamen Denkens. Als er sich der Politik zuwandte, hatte er sein Teuerstes, seine Denkfreiheit, geopfert dem Werk des Reformators, das er zu vollbringen meinte. Von Österreich, wo er unter Aufsicht gehalten wird, fordert die ungarische Regierung seine Auslieferung: er soll die Ermordung politischer Gegner veranlaßt haben. Nur verblendeter Haß kann die Beschuldigung glauben. Lukács’ Rettung ist keine Parteisache. Pflicht ist es allen, die im persönlichen Verkehr seine Reinheit erfahren, und den vielen, die die hochgestimmte Geistigkeit seiner philosophisch-ästhetischen Bücher bewundern, gegen die Auslieferung zu protestieren.“

„Als er der Politik sich zuwandte...“: das erste Resultat dieser Zuwendung war „Geschichte und Klassenbewußtsein“ – der gigantische Versuch (Jahre vor Veröffentlichung der Marxschen Frühschriften), die entfremdete Arbeit als schlummernde Explosivkraft des kapitalistischen Produktionssystems zu verstehen. Vom Entdecken dieser Kraft zum Praxis-Postulat war es nur ein logischer Schritt; die Forderung nach revolutionärer Praxis als Hebel der Geschichte ist eine der zentralen Kategorien des Buches. Lukács ironisierte später den eigenen Elan: „So erhält die Konzeption der revolutionären Praxis in diesem Buch etwas geradezu Überschwengliches, was dem messianischen Utopismus des damaligen linken Kommunismus, nicht aber der echten Marxschen Lehre entsprach.“ Lukács’ Bezugspunkt war Marx’ Satz „Es wird sich dann zeigen, daß die Welt längst den Traum von einer Sache besitzt, von der sie nur das Bewußtsein besitzen muß, um sie wirklich zu besitzen“. Aus dieser These nimmt Lukács sein zweites Titelwort: Das Bewußtsein, Klasse zu sein und Träger der einstigen Revolution, muß im Proletariat geweckt werden; dann wird es seine Geschichte machen. Das ist das Hegelsche Prinzip der Dialektik, materialistisch umgedacht. Das ganze Buch versteht sich als Nachweis, wie sehr Marx von Hegel geprägt war und wie sehr der marxistisch-materialistisch interpretierte Hegel uns Geschichte nicht nur verstehen, sondern verändern hilft: „Denn die Hegelsche – dialektische – Ineinssetzung von Denken und Sein, die Auffassung ihrer Einheit als Einheit und Totalität eines Prozesses bildet auch das Wesen der Geschichtsphilosophie des historischen Materialismus.“ Der Weltgeist als Weltrevolution. Mit der Rigorosität des Novizen prägt Lukács die Sentenzen des Buches: „Das Klassenbewußtsein ist die ’Ethik’ des Proletariats, die Einheit seiner Theorie und Praxis ... die Kraft der Partei ist eine moralische.“ Solche Begriffe finden sich nicht zufällig zuhauf – der abgefallene Bourgeois wird leicht zum Robespierre; und bleibt doch Idealist. Das Verzwickte des Buches liegt darin, daß es auf ganz verschiedenen Bahnen – einander eigentlich ausschließende sogar – gleichzeitig denkt. Es ist „stalinistisch“ avant la lettre; denn in dem Satz „Diese Reform des Bewußtseins ist der revolutionäre Prozeß selbst“ verbirgt sich bereits der Diktator (der die jeweilige „Reform“ exekutiert). Und es ist idealistischschwärmerisch; denn in diesem Satz bleibt die Revolution Geist und Gefühl: „Die Umwälzung selbst kann jedoch nur durch Menschen vollzogen werden; durch Menschen, die sich – geistig und gefühlsmäßig – von der Macht der bestehenden Ordnung befreit haben.“

Der zeitlebens im Denkgebäude von Georg Lukács nie aufgelöste Widerspruch zwischen, bürgerlichen Kategorien und proletarischen Zielsetzungen, der den Literaturwissenschaftler Thomas Mann bewundern und Bertolt Brecht verachten ließ, liegt schon in diesem frühen Buch. Es stammt aus jener Zeit der zähen Gebärde, zu der er formulierte: „Das Parlament muß also als Parlament sabotiert, die parlamentarische Tätigkeit über den Parlamentarismus hinausgetrieben werden.“ Als Lenin diesen „Linksradikalismus“ verurteilte und schrieb „Der Artikel von G. L. ist ein sehr radikaler und sehr schlechter Artikel. Der Marxismus darin ist ein Marxismus der bloßen Worte“, hatte die Parteikarriere des Georg Lukács einen Knick. Das Buch verschwand, eine Selbstkritik und eine Lenin huldigende Broschüre erschienen und bald kam jene Zeit, „da war eine Idee nur eine Verbindung von zwei Stalin-Zitaten“. Georg Lukács’ Klassenbewußtsein (sprich: ästhetischer Entwurf) war entwicklungs- und experimentfeindlich; sein Geschichtskonzept (sprich: Politik-Verständnis) war das einer plebejischen Demokratie. Er war geworden, was es gar nicht gibt: ein stalinistischer Anti-Stalinist. Der konnte auch geistiger Vater des Budapester Aufstands werden. Eine Anekdote summiert Werk und Leben des Philosophen:

„Nach nächtlicher Verhaftung in Budapest 1956, rasender Wagenfahrt mit verhängten Fenstern zu einem unbekannten Militärflugplatz, Abflug in einer Maschine ohne Hoheitsabzeichen in ein unbekanntes Land und Ankunft in einer schloßartigen Villa an blinkendem Meeresstrand, in der er lebte, halb zeremoniös behandelter Staatsgast, halb Zuchthäusler, noch immer ohne Kenntnis, wo er sich überhaupt befand, sagte Georg Lukács: Kafka war doch ein Realist.“

Fritz J. Raddatz

Prof. Dr. Fritz Raddatz ist Feuilletonchef der ZEIT