Seine Boulevard-Stücke sind perfekt gemacht

Von Armgard Seegers

Wenn Berlin New York wäre, könnte Curth Flatow ein weltbekannter Broadway-Autor sein. So aber ist er eine Berliner Institution, ähnlich wie Fritze Luft, und daß Berlin immer noch Deutschlands heimliche Hauptstadt ist, merkt man daran, daß dort am Kurfürstendamm auf wenigen hundert Metern gleich mehrere größere Theater stehen, in denen regelmäßig Boulevardstücke zur Uraufführung kommen, die zudem noch zu großen Teilen aus der Feder Flatows stammen.

Flatow wurde gleich zu Beginn der zwanziger Jahre in Berlin geboren, nämlich am 9. Januar 1920, und als typischer Vertreter dieser Zeit, in der die Stadt am lebendigsten war, ist er als einer der wenigen Großstadt- und Theatermenschen übrig geblieben. Ein Mensch ohne Allüren, aber mit dem berühmten Mutterwitz einer der fleißigsten: rund 50 Cabaret-Sendungen hat er geschrieben, Texte für 300 Chansons, über 30 Drehbücher, unzählige Fernsehsendungen und -serien, und seine Theaterstücke zählen inzwischen zum allgemein bekannten Kulturgut. Selbst sein Name scheint eigens für die Berliner Zunge wie erfunden: Flato (ohne w zu sprechen!), denn die Berliner lieben „0“s am Ende, sagen auch zu Tschechow Tschechoh, und der frühere sowjetische Regierungschef wird natürlich Chruschtschoh genannt.

Lachen als Einverständnis

Wenn man zu Curth Flatow kommt, gibt’s erst mal Kaffee und Kuchen, der mit einem Stück Butter oben drauf im Ofen noch mal aufgewärmt wurde. Das schmeckt besser. Flatow ist Hobbykoch. Zwischendurch kommt die 16jährige Stieftochter und fragt sehr wohlerzogen, wann sie sich mit ihren Freundinnen endlich die nächste Horrorfilm-Videokassette reinziehen kann. In Flatows Stücken sagen die Töchter „Paps“, gehen in die Tanzstunde und denken immerzu ans Heiraten. Hat ihn die Wirklichkeit nun doch noch eingeholt? Friedrich Luft schrieb einmal über ihn: „Wirklichkeit kennt er nicht, die kann er gar nicht brauchen. Jede Ähnlichkeit mit der Realität wäre zufällig, sie wäre eher störend.“ Denn wenn man ihn fragt, warum die Frauen bei ihm immer so frauchenhaft sind, warum eine Frau in seinem Stück alles erreicht hat, wenn sie „Mann und Kind hat und in Amerika sitzt“, kommt man sich ein bißchen albern vor mit seiner Realismus-Werteskala. Worte wie „sexistisch“ wären lächerlich angesichts seiner Liebenswürdigkeit, auch völlig unpassend. Und doch wird in seinen Stücken immer wieder auf den gleichen menschlichen Schwächen, den gleichen Vorurteilen in klischierter Form herumgeritten. Da ist Lachen keine Erkenntnis, sondern nur noch Einverständnis heischendes Schulter- und Schenkelklopfen.

Flatows Stücke sind Boulevard-Komödien von perfekter Machart und deshalb auch stets erfolgreich. „Vater einer Tochter“, „Das Geld liegt auf der Bank“, „Boeing-Boeing“ oder „Der Mann, der sich nicht traut“ sind Hunderte von Malen aufgeführt worden, liefen alle mehrfach im Fernsehen. Flatow scheint der Erfolg an der Feder zu kleben. Was er macht, das sitzt. Wenn er fürs Fernsehen schreibt, wird daraus ein „Traumschiff“ mit traumhaften Einschaltquoten, oder er bekommt gleich die Goldene Kamera für seine Serie „Ich heirate eine Familie“. Dabei hantiert er jeweils mit einem Typenarsenal, das die Vorstellung des Zuschauers von der heilen Welt aufs Genaueste zu treffen scheint. Unter der Vorgabe, das Leben einzufangen, zeigt Flatow Klischees, deren Wiedererkennungseffekt allein schon die Lachmuskeln des Zuschauers zu reizen scheint. Junge Leute sind verliebt und ein klein bißchen aufsässig, Frauen reden immer zu viel und wollen die Männer hereinlegen, Männer sind albern und oftmals von einer Eigenschaft völlig dominiert, ein paar kleine Mißverständnisse, Verwicklungen – und dann müßte sich doch daraus schon die schönste Komödie fertigen lassen.