Die Erscheinung einer Dame von Ihrem Rang auf dem Parnaß ... mußte jedermann aufmerksam machen“, schrieb Jakob Michael Reinhold Lenz 1775 in einem stürmisch schwärmerischen Brief an Sophie von La Roche, in dem der junge Autor des fast bis zur Groteske realistischen Dramas „Soldaten“ der zwanzig Jahre älteren Autorin des sentimentalistischen Romans „Das Fräulein von Sternheim“ sich und seine ganze Existenz zu Füßen warf. Die „Dame auf dem Parnaß“ war in der Tat eine außergewöhnliche Erscheinung in ihrer Zeit, wenn auch jenseits aller persönlichen Exaltiertheit, die sich erst eine spätere Generation von denkenden und dichtenden Frauen (zu denen dann auch ihre Enkelin Bettina Brentano gehörte) leistete. Daß gerade in dieser Balance von Selbstbewußtsein und Einsicht, in der Anerkennung auch der Grenzen, die Lebens- und Zeitumstände ihr setzten, eine Stärke lag, zeigt ein Auswahlband ihrer umfassenden und lebhaften Korrespondenz, der verstreut gedruckte Quellen zusammenfaßt: „Ich bin mehr Herz als Kopf – ein Lebensbericht in Briefen“ (herausgegeben von Michael Maurer, Verlag C. H. Beck, München, 464 S., 58 DM). Hier ist das Leben einer Frau dokumentiert, die zu ihrer Zeit zwar im literarischen Gespräch war, von der Nachwelt aber meist nur als Sekundärperson registriert wurde: sie war die Verlobte von Wieland, die Mutter der Maximiliane und Großmutter der Bettina und des Clemens Brentano, Goethe bewunderte zunächst sie, dann die schwarzen Augen ihrer „Maxe“. Gewiß, die Lektüre des „Fräulein von Sternheim“ wird heute niemanden mehr so recht ergreifen, allenfalls amüsieren. Aber als erste weibliche Autorin eines bürgerlichen deutschen Romans (bei unverkennbar englischer Provenienz) und als erste Gründerin einer Zeitschrift für Frauen hat Sophie von La Roche besonders auch das weibliche Publikum ermutigt, sich durch Bildung und Erziehung eine eigene Position und Nützlichkeit zu schaffen. Als sie starb („gänzliche Entkräftigung war ihr Tod“, schrieb ihre Tochter an eine Freundin), hatte sie Aufstieg, Fall und Tod eines nicht sonderlich geliebten Ehemannes, den Tod zweier Söhne und der Lieblingstochter Maximiliane und zum Schluß noch die Sorge um das tägliche Auskommen erlebt. Nach den Briefen von Klopstock und seiner Meta, Heinrich Christian Boie und Luise Meier, Lessing und Eva König hat der Beck-Verlag seine Reihe der Briefwechsel des 18. Jahrhunderts mit dieser Edition um ein wichtiges Dokument und ein anrührendes Stück Lektüre erweitert.