Von Walter Jens

Ein hippokratischer Eid – „Ich sage Nein zu allein, was den Krieg befördern hilft und mich und meinesgleichen und die Welt, in der ich lebe, sterben lassen wird“ – gut und schön. Entwurf einer verbindlichen Wissenschaftsethik, die jeden, der gegen ihre Gebote verstößt, zum outcast macht, der in den Reihen der Wissenschaft, gut brechtisch, nicht geduldet werden kann und sich folglich so behandelt sieht, wie einst Fritz Haber von Rutherford behandelt worden ist (mit Verachtung und ohne Handschlag) – nichts dagegen zu sagen.

Nur darf es nicht beim schon so oft, und von vielen, geträumten Gedankenspiel bleiben: Wie also sähen sie aus, die Prämissen einer verbindlichen Wissenschaftsethik – einer Moral, die, wiewohl konfrontiert mit der möglichen Apokalypse, dennoch nüchtern zu sein hat, nicht nur ad hoc entworfen, sondern auch historisch ableitbar: plausibel und eher behutsam als eifernd?

Da müßte einsichtig werden, daß es, auf der einen Seite, ein Verleugnen oder gar Vergessen des gewonnenen Kenntnisstandes nicht gibt – „Was einmal gedacht wurde“, heißt es in Dürrenmatts „Physikern“, kann nicht mehr zurückgenommen werden“ –, daß aber, auf der anderen Seite, „alles machen können“ eins und „alles machen dürfen“ ein anderes ist, ja, daß sich Wissenschaft erst durch freiwilligen Verzicht aufs Mach- aber nicht Verantwortbare als menschlich erweist – und als meisterlich in der Beschränkung, mit der großen. Kunst vergleichbar und klassisch dazu.

„In Zeiten, da es gut um die Künste steht“ – Paul Valery: „Von der überragenden Würde der Künste, die das Feuer wirkt“ – „kann man sehen, wie sie sich Schwierigkeiten schaffen, die nur Geschöpfe ihrer Einbildung sind; wie sie sich ganz und gar willkürliche Gesetzlichkeiten und Regeln erfinden, Freiheiten beschneiden, die fürchten zu müssen sie begriffen haben, und sich den Gebrauch der Fälligkeit untersagen, mit sicherem Griff und im Augenblick alles machen zu können, was in ihrem Wollen liegt.“