Von Hans Otto Eglau

Ein „außergewöhnliches Geschäftsjahr“ verkündete BMW-Vorstandschef Eberhard von Kuenheim und legte in Geberlaune auf die bereits erhöhte Dividende gleich noch einen Extrabonus von einer Mark drauf. Die Deutsche Bank schraubte ihren Jahresüberschuß um nicht weniger als 91 Prozent auf die Rekordmarke von 469 Millionen Mark. Zum „Top-Star unter Deutschlands blue chips“ (Frankfurter Börsenbriefe) stieg jedoch der Cnemiekonzern Bayer auf: Ihren bescheidenen Gewinn des Jahres 1982 von 64,3 Millionen Mark steigerten die Leverkusener glatt um 1 178 Prozent auf 754 Millionen Mark und etablierten sich damit nach Daimler Benz und Siemens ab Nummer Drei unter den ertragsstärksten deutschen Industrieunternehmen.

Die in diesen Wochen vorgestellten Bilanzen bringen es an den Tag: Für die Crème der deutschen Unternehmen hat sich die vielbeschworene Wende in der Kasse bereits 1983 vollzogen. Die Gewinne stiegen auf breiter Front, nach vorsichtigen Schätzungen professioneller Trendbeobachter in den Wertpapierabteilungen der Banken um rund 25 Prozent. „Wir waren gezwungen, unsere ohnehin schon optimistischen Schätzungen noch einmal nach oben zu korrigieren“, berichtet Heidrun Haase, Analystin der zur Deutschen Bank gehörenden Gesellschaft für Anlageberatung (Degab) in Frankfurt. Die Commerzbankpropheten, die ihren Wertpapierkunden für 1983 ein Gewinnplus von 16 bis 18 Prozent signalisiert hatten, mußten unter dem Eindruck der Ereignisse diese Expertisen in den Papierkorb werfen. Auch die Kollegen von der BHF-Bank hielten nur mühsam mit dem rasanten Gewinnanstieg Schritt: hatten sie beispielsweise für Hoechst noch im Dezember 1982 einen Gewinn von 11,50 Mark pro Aktie in Aussicht gestellt, so schätzten sie sich bis November 1983 auf 19 Mark nach oben. Tatsächlich konnte Hoechst-Chef Rolf Sammet letzte Woche sogar eine Steigerung auf stolze 23,38 Mark, mehr als doppelt so viel wie im Jahr zuvor, bekanntgeben.

Schien im Wendejahr 1983 ein allgemeiner Stimmungsumschwung auf dem Binnenmarkt zumintes, vor allem in den USA, in ihre Trendrechnung nicht einkalkuliert. Mit einem Anstieg ihrer Amerika-Exporte um 16,8 Prozent erzielte die deutsche Industrie gegenüber der größten Wirtschaftsmacht nach einem Defizit 1983 wieder einen Handels-Überschuß von 5,1 Milliarden Mark. Die Rückkehr ins Plus verdankte sie nicht allein dem Anspringen der US-Konjunktur, sondern mindestens ebenso dem – aus der Sicht der meisten Währungsexperten überraschenden – Anstieg des Dollar.

Gute US-Konjunktur und fester Dollar schlugen sich in den Ertragsrechnungen deutscher Exportfirmen gleich zweifach nieder. So steigerte BMW die Lieferungen auf seinem größten Auslandsmarkt um über 15 Prozent auf 60 000 Wagen; Daimler-Benz erhöhte seine US-Exporte um fast 12 Prozent auf 73 692 Mercedeskarossen. Gut die Hälfte entfielen davon auf die teuren Limousinen der S-Klasse sowie auf große Coupes und SL-Sportwagen. Auch in diesem Jahr steht für die Untertürkheimer das Amerikageschäft unter einem guten Stern: Mit den neuen Kompaktmodellen der 190er-Reihe als zusätzliche Programmvariante schnellten die Absatzzahlen in den USA im ersten Quartal 1984 noch einmal um 28 Prozent nach oben. Bei einem Preis von 23 000 Dollar – das sind bei einem Wechselkurs von 2,70 immerhin 63 180 Mark – kostet der 190 E an der Ostküste erheblich mehr als ein vergleichbares Modell auf dem deutschen Markt. Auen wenn das Exportmodell durch den Einbau von Katalysatoren, im Preis bereits enthaltene Extras und einen anderen Motor, mit der Basisversion nicht ganz vergleichbar ist, so schätzen Konkurrenten die US-„Sondergewinne“ von Daimler auf bis zu 15 000 Mark pro Wagen.

Wie die Automobilkonzerne, so profitierte auch die Großchemie vom amerikanischen Konjunkturaufschwung und dem starken Dollar. Mit einer Ausweitung seines USA-Geschäfts um 13 Prozent erzielte Bayer auf dem größten Chemiemarkt der Welt im vergangenen Jahr bereits 21 Prozent seines Gesamtumsatzes. Auf die Bundesrepublik entfielen mit 23 Prozent nur unwesentlich mehr. Mit ihren vielfach automatisierten, von zentralen Kontrollstationen überwachten Fertigungsprozessen profitieren die Chemiegiganten am schnellsten und stärksten von der Wiederbelebung der Konjunktur. So geht ein großer Teil der Gewinnexplosionen dieser Branche auf den binnen eines Jahres von 70 auf über 80 Prozent gestiegenen Auslastungsgrad der Produktionskapazitäten zurück.

Mit kräftig gefüllter Kasse und angehobenen Dividenden können die Chemiemanager nicht zuletzt deshalb vor ihre Aktionäre treten, weil sie rechtzeitiger als Unternehmen anderer Branchen Strukturelle Schwachstellen planmäßig ausmerzten. Unter dem Eindruck der zweiten Ölpreiskrise vor fünf Jahren machten sie sich insbesondere an den Abbau verlustreicher Überkapazitäten in der Produktion von Chemiefasern, Kunststoffen und Düngemitteln. So legte Bayer bis Ende 1981 den größten Teil seiner Dormagener Perlonfertigung still und setzte dabei rund 1 000 Beschäftigte in andere Bereiche um. Der Kraftakt lohnte sich: 1983 verdiente Bayer mit seinen Fasern (Hauptmarke: Dralon) erstmals wieder. Ähnlich rigoros räumte die BASF (Gewinnsteigerung 88 Prozent auf 517 Millionen Mark) bei Standardkunststoffen auf. Bis 1980 und 1983 kappten die Ludwigshafener 11 Prozent ihrer PVC-Produktion, 21 Prozent ihrer Polystyrol-Anlagen und 49 Prozent ihrer Fertigung des Folienvorproduktes Polyäthylen. Konkurrent Hoechst schließlich entschloß sich zur stufenweisen Liquidierung seiner Düngemittel-Produktion im Stammwerk.