Sehenswert

„Frevel“ von Peter Fleischmann, der zuletzt (1979) „Die Hamburger Krankheit“ drehte, ist ein Film, der nicht viel Wind macht, weder mit Stars noch mit action, noch mit ausgeklügelter Kamera und aufwendiger Botschaft. Er ist handwerklich gut gemacht, und das ist etwas. Er stellt mehr Fragen, als er Antworten gibt, und das ist viel. „Frevel“ erzählt eine Kriminalgeschichte, die spannend ist und deren Fäden sich am Ende nicht zu einem geordneten Webmuster ordnen, sondern wirr und verwirrend bleiben. Insofern ist der Film realistisch. Die Kriminalgeschichte aber entwickelt sich zwangsläufig zu einer leidenschaftlichen, auf den puren Wahnsinn hinsteuernden Liebesgeschichte. Insofern ist der Film phantastisch. Peter Fleischmann spielt einen deutschen Kriminalkommissar, den mitten in der Alltagsroutine der Blitz der Erkenntnis trifft. Er blickt in die Augen einer Kindsmörderin (Angelika Stute) und ist ihr verfallen. Die Motive der Frau bleiben rätselhaft. Blond und mit einem stillen, schönen Gesicht schweigt sie sich hinein und ist weder durch Bitten noch durch Drohen zu einem einzigen Wort zu bewegen. So wird sie, passiv und stumm, zum Objekt, in dem die Sehnsüchte des Mannes jäh kulminieren. Er vergißt sich. Das Ende verrate ich nicht, weil „Frevel“, wie jeder gute Kriminalfilm, von hinten nach vorne gedacht ist. Das Schöne an ihm ist, daß der Wahnsinn, der den Mann befällt, von eher ruhiger und dumpfer Natur und also unausweichlich ist. Da wird nicht getobt noch geschrieen. Und die Welt, in der das spielt, ist exakt so banal und deutsch, daß man sie halb fasziniert, halb widerwillig wiedererkennt. Die Leute reden den pfälzischen Dialekt der Gegend um Ludwigshafen, und das gibt eine seltsame Mischung aus offenkundiger Komik und latenter Fürchterlichkeit. – Kein großartiger, aber ein guter, sehenswerter Film.

Ulrich Greiner

Plakativ

„Rita will es endlich wissen“ von Lewis Gilbert. Platinblond und engberockt klappert sie mit ihren hochhackigen Schuhen durch altehrwürdige Universitätsportale und auf Collegewegen. Rita (Julie Walters) hat es sich in den Kopf gesetzt: Sie will sich bilden, an Shakespeare und Yeats, Ibsen und Blake. Daß dadurch ihre Spontaneität, ihre Unbefangenheit verlorengehen werden, das merkt der Literaturprofessor (Michael Caine) – ein verkanntes, dem Whisky verfallenes Genie – sofort. Aber Ritas Aufstieg läßt sich nicht mehr aufhalten. Schon bald lösen stichhaltige Argumente emotionale Beurteilungen und Interpretationen ab. Und damit verliert der Film seine komödiantischen Elemente, die sich gerade aus dem Zusammenstoß von Verstand und Gefühl entwickeln. Ritas Aufstieg in die hehren Höhen des Bildungsbürgertums vollzieht sich allzu plakativ, und die Szenen, die sie in ihrem alten Milieu, der britischen Arbeiterklasse, zeigen, sind klischeebeladen. Nur einmal schimmert etwas auf von den Konflikten, die ein Wechsel der Klassen nach sich zieht: In die feine Gesellschaft des Professors traut sich Rita nicht, der laute Pub an der Ecke ist ihr eher Greuel als Vergnügen. Aber alles kehrt sich schließlich zum Besten, auch wenn, wie in Shaws Stück „Pygmalion“, an das der Film von Ferne erinnert, auf ein Happy End verzichtet wird. Ein wenig realistisch wollte Bond-Regisseur Gilbert („Man lebt nur zweimal“, „Moonraker“) denn wohl doch bleiben. Anne Frederiksen

Empfehlenswerte Filme

„Das Geld“ von Robert Bresson. „Der Kontakt des Zeichnen“ von Peter Greenaway. „Das Fenster zum Hof von Alfred Hitchcock. „Das Schloß im Spinnwebwald“ von Akira Kurosawa. „Ärger im Paradies“ von Ernst Lubitsch. „Erzählungen unter dem Regenmond“ von Kenji Mizoguchi. „Dorian Gray im Spiegel der Boulevardpresse“ von Ulrike Ottinger. „Koyaanisqatsi“ von Godfrey Reggio. „Das Leben ist ein Roman“ von Alain Resnais. „Eine Liebe von Swann“ von Volker Schlöndorff. „Kanakerbraut“ von Uwe Schrader. „Der Schlaf der Vernunft“ von Ulla Stöckl. „Nostalghia“ von Andrej Tarkowski. „Auf Liebe und Tod“ von Francois Truffaut.