Von Christian Graf von Krockow

Die Bilanz scheint eindeutig zu sein: Der Sport, der olympische vorab, steckt im Würgegriff der Politik – und dies nicht erst seit heute oder gestern. Olympische Spiele fielen den Weltkriegen zum Opfer; anschließend blieben die Besiegten zunächst geächtet und ausgeschlossen. Die fünfziger und sechziger Jahre waren erfüllt vom Streit um eine gesamtdeutsche Mannschaft. In Mexiko 1968 stellte erst ein Blutbad unter Studenten und anderen Demonstranten den olympischen Frieden her, und die Black Power-Demonstration bei der Siegerehrung für amerikanische Athleten verstörte die Funktionäre. Die „heiteren Spiele“ von München 1972 gerieten in die Finsternis des Terrors. 1976 wurde Montreal von Afrikanern boykottiert, weil die teilnehmenden Neuseeländer – übrigens in einer nichtolympischen Sportart – mit Südafrika sich eingelassen hatten. Und der Carter-Boykott gegenüber Moskau weckte bereits 1980 trübe Ahnungen, die damals in der ZEIT so formuliert wurden: Für Los Angeles 1984 wird den Russen die Begründung für ein „Revanchefoul“ schon einfallen.

Verblüffend wirken allenfalls noch die Wandlungen der öffentlichen Meinung. Um 1970 entdeckte die „Neue Linke“ den durch und durch politischen Charakter des Sports – zum Schrecken aller braven Sportfunktionäre und der „bürgerlichen“ Publizistik. Aber zehn Jahre später galt im Streit um den Boykott gegenüber Moskau die Faustregel: Je konservativer die politischen Positionen, desto eindeutiger und unbedenklicher wurde der Boykott befürwortet, mit der Begründung, daß Sport und Politik nicht zu trennen seien. Die Russen hingegen vertraten mit biederem Augenaufschlag die These, daß es sich um verschiedene Dinge handle, die man auseinanderhalten müsse. Und jetzt?

Gerade die sozialistischen Staaten haben dem Sport seit je einen hohen politischen Stellenwert eingeräumt. „Wir sind der Ansicht, daß ein Spitzensportler für unseren Arbeiter- und Bauernstaat mehr leistet und dessen Ansehen mehr hebt, wenn er sich mit Hilfe der Förderung durch Partei und Staat auf hohe sportliche Leistungen vorbereiten kann, als wenn er an seinem Arbeitsplatz einer unter vielen ist.“ Dieser Satz stammt von Walter Ulbricht, und seine konsequente Befolgung hat die DDR neben den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion zur dritten olympischen Weltmacht aufrücken lassen – trotz einer vergleichsweise winzigen Bevölkerungsbasis von nur 17 Millionen.

Ist Sport unpolitisch?

Aber der Sachverhalt gilt ja nicht nur im Osten. Staatspräsidenten reden – wie de Gaulle nach dem schlechten Abschneiden Frankreichs bei den Spielen von Rom – von „nationaler Schande“ und fordern die sportliche Aufrüstung. „Sieg oder Tod!“ telegrafierte ein anderer Staatspräsident anläßlich der Fußballweltmeisterschaft 1974 seiner Mannschaft, und der Reporter, der darüber berichtete, fügte hinzu, es wäre einem wohler, wenn man ganz sicher sein könnte, daß dies nicht wörtlich gemeint sei. Politischer Prestigegewinn: Spätestens seit den Spielen von Berlin, 1936, gehört das zum Thema. Im Wettkampf der Nationen oder der Systeme erscheinen sportliche Siege oder Niederlagen als Symbole.

Die Frage ist freilich, ob man Symbol und Realität nicht unterscheiden muß. Über den Rang der Staaten und der Völker, über ihren Reichtum oder ihre Armut, über Macht und Ohnmacht im internationalen Kräftespiel, über Stabilität und Instabilität der Regime, über Achtung oder Mißachtung der Menschenrechte wird doch wohl auf anderer Ebene und mit anderen Mitteln entschieden.