Wenn es Scherben gab, wurde gerne nach Kurt Birrenbach gerufen

Von Hans-Peter Schwarz

Kurt Birrenbach gehört zu den Solitären in der eher aus unscheinbaren Halbedelsteinen oder Bachkieseln zusammengesetzten Kollektion der Bonner Parlamentarier. Wirtschaftlich unabhängig, mit besten Konnexionen ins Ausland, vor allem in die USA, den Wissenschaften verbunden und letztlich allein dem Staat verpflichtet, nimmt er zwar energisch Anteil, aber eben doch auch in Distanz. Ein grand old man‚ nicht ohne Kanten, wie alle bedeutenden Leute, der hier einen Blick in die Aktivitäten tun läßt, die sich meistenteils hinter den Kulissen im diskreten Gespräch, in intensivem Briefwechsel und in unablässigen Telefonaten abspielen!

Über die Vielzahl seiner Reisen und Besprechungen hat er einen großen Bestand sehr detaillierter Aufzeichnungen angelegt. Manche von diesen waren und sind für Bundeskanzler bestimmt, die er respektierte und respektiert – Adenauer, Erhard, Kiesinger, Schmidt, den heutigen Amtsinhaber. Adressat seiner Berichte war auch Rainer Barzel, Oppositionsführer in den Jahren 1971 und 1972. Aus dieser ausgedehnten Sammlung finden wir nun in dem vorliegenden Buch:

Kurt Birrenbach: „Meine Sondermissionen. Rückschau auf zwei Jahrzehnte bundesdeutscher Außenpolitik – Vom Mauerbau bis heute“; Econ Verlag, Düsseldorf 1984; 463 S., 48,- DM

Einige besonders wichtige Stücke abgedruckt und ausführlich kommentiert. Fünf diplomatische Missionen sind es, bei denen Dr. Birrenbach zwischen 1961 und 1971/72 Gelegenheit hatte, seine Talente des scharfen Beobachters, des geschmeidigen Argumentierens und des zähen Verhandelns zum Nutzen der Bundesrepublik einzusetzen. Wenn ein Scherbenhaufen angerichtet war oder wenn die Tassen im Schrank klirrten, hat man offenbar gerne nach Kurt Birrenbach gerufen.

Birrenbach wäre allerdings nicht er selbst, hätte er sich bloß darauf beschränkt, durch weithin wörtlichen Abdruck seiner damaligen vertraulichen Berichte einige wichtige, mehr oder weniger dramatische Phasen westdeutscher Außenpolitik mit aufschlußreichem Hintergrundmaterial zu erhellen. Er ist und bleibt ein leidenschaftlicher Analytiker. So hat er die Notwendigkeit, die Berichte durch eigenen Kommentar in die größeren Zusammenhänge einzubetten, dazu genutzt, die Gesamtentwicklung in dem fraglichen Problemfeld umfassend und detailgenau zugleich zu skizzieren.