Nun ist es also doch passiert: Ohne noch einmal miteinander zu reden, sind Gewerkschaften und Arbeitgeber der Metallindustrie in einen Streik hineingestolpert, den zumindest die Besonnenen und weitblickenden auf beiden Seiten gar nicht wollten. Nun muß in der Hitze eines Arbeitskampfes die Lösung für den wohl schwierigsten Konflikt gefunden werden, vor dem die Tarifvertragsparteien in der Bundesrepublik je standen. Denn:

  • So unvereinbar wie diesmal waren die Standpunkte noch nie. Hier geht es nicht darum, sich irgendwo zwischen Lohnforderung und -angebot zu treffen. Das Problem besteht darin, daß die Arbeitgeber auf gar keinen Fall und um keine Minute von der 40-Stunden-Woche als Regelarbeitszeit abweichen wollen; die IG Metall dagegen will unter allen Umständen „die 40 aus dem Tarifvertragverschwinden lassen“.
  • Wer in diesem Tarifkonflikt nachgibt, muß mit schwerwiegenden Folgen für die eigene Organisation rechnen. Der Arbeitgeberverband „Gesamtmetall“ könnte darüber auseinanderbrechen. Schon heute liegen in Köln vorsorgliche Kündigungsschreiben zahlreicher Unternehmen vor. Bei der IG Metall streiten sich interne und externe Beobachter nur noch darum, ob eine Schwächung oder Radikalisierung dieser stärksten deutschen Gewerkschaft die Folge einer Niederlage wäre.
  • Der Ausgang des Konflikts wird in jedem Fall von großer gesamtwirtschaftlicher Bedeutung sein: für den Arbeitsmarkt, die internationale Wettbewerbsfähigkeit, die Investitionsbereitschaft und den sozialen Frieden in der Bundesrepublik.

Deshalb müssen auch die Falken auf beiden Seiten begreifen, daß sie diesmal ein Spiel mit sehr hohem Einsatz wagen – mit einem Einsatz auch auf Kosten von Millionen Menschen, die am Konflikt in der Metallindustrie gar nicht unmittelbar beteiligt sind. Sie könnten aber sehr wohl Opfer von Entwicklungen werden, die von dieser Branche ausgehen. Wer auch immer auf beiden Seiten mit dem Gedanken spielen sollte, den Gegner in die Knie zu zwingen und zu demütigen, wird sich letzten Endes selber schaden. So abgegriffen das Bild inzwischen auch ist, so zutreffend ist es in diesem Fall: Gewerkschaften und Arbeitgeber der Metallindustrie sitzen in einem Boot – und wir alle leider mit ihnen.

Schaden kann nur dann noch abgewendet werden, wenn es gelingt, eine Lösung zu finden, die gesamtwirtschaftlich vernünftig und von den Kosten her zu verkraften ist. Sie muß zudem beiden Seiten helfen, das Gesicht zu wahren. Deshalb hier noch einmal der Vorschlag, statt einer generellen Kürzung der Wochenstunden für alle Arbeitnehmer „Verfügungstage“ einzuführen: Drei freie Tage pro Quartal, die entsprechend den persönlichen Bedürfnissen und unter Berücksichtigung betrieblicher Belange gewählt werden können. Sie könnten sofort oder stufenweise innerhalb der nächsten drei Jahre eingeführt werden.

Für die Arbeitnehmer wäre dies ein fühlbarer sozialer Fortschritt. Für die Gewerkschaften wäre es rein rechnerisch gleichbedeutend mit einer 38-Stunden-Woche – also der von ihnen geforderte Einstieg in eine Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit. Die Arbeitgeber hätten gleichzeitig ihr Ziel erreicht, die 40 Stunden als Regelarbeitszeit zu erhalten. Sie brauchten die Produktionsstätten und Büros nicht früher als bisher zuzusperren. Da die zusätzlichen freien Tage selbstverständlich gegen sonst mögliche Lohnerhöhungen verrechnet werden müßten, bleibt den Unternehmen zudem der finanzielle Spielraum für Neueinstellungen. Das würde den Arbeitslosen helfen.

Michael Jungblut