Sie sind gezwungen zu verreisen, denn Sie haben noch Urlaubstage des vergangenen Jahres abzutragen. Mit dem Rest der urlaubenden Welt wollen Sie nicht zusammenstoßen, also suchen Sie sich die noch unfreundliche Vorsaison aus, hoffen auf leere Straßen, leere Hotelbetten, freundliche Kellner und düsen los.

Die Überraschungen folgen Ihnen auf dem Fuß. Die Autobahn ist gespickt mit Baustellen. Wohnwagen mit Frührentnern, klapprige VW-Busse mit Aussteigern quälen sich über die Kassler Berge und machen nicht Platz. Zwar erwartet Sie über Ascona am Lago Maggiore der blaue Himmel, eine strahlende Sonne grüßt. Aber Sie werden es bereits am Gotthard geahnt haben: Die Schweizer sind autobahnsüchtig geworden, und da sie zudem ihre Berge untertunnelt haben, ergießt sich der Norden, sobald ein Wochenende naht in Richtung Süden, verstopft die Piazza von Ascona und nimmt Ihnen den letzten Parkplatz weg.

Von freien Parkplätzen ist natürlich auch in Venedig nicht die Rede. Aber da Sie davon ausgehen, daß Parkwächter bestechlich sind, ist dieses Problem schnell gelöst. Auch Venedig ist randvoll. Die italienischen Schulkinder haben Ferien. Von Stund an werden Sie nicht mehr allein sein. Vor dem Hotel Monaco, wo Sie mit Blick auf den Canale Grande Ihren ersten Teller Spaghetti verzehren, mahnt Sie der Kellner, auch einen zweiten Gang zu ordern. Der Blick auf die Preise zeigt Ihnen, daß Sie in eine Apotheke geraten sind. In Harrys Bar werden Sie so wenig einen Platz finden, wie auf den Kirchenbänken vor Tizians Himmelfahrt in I Frari. Dort hocken Schulkinder wie die Tauben auf dem Markus-Platz, dicht bei dicht.

Sie haken Venedig ab, und Ihre Sorge gilt von nun an ganz Ihrem Auto, denn das soll ja, wenn nicht schon gestohlen, so doch aufgebrochen werden. In Arrezzo gibt der Führer ein Hotel mit Garage an. Ihr Wagen hat noch nie so fürstlich gestanden. Der Portier weist Ihnen ein Bett über der Garage zu. Sie werden wach, wenn ein Wagen angelassen wird. Es werden viele angelassen.

Am nächsten Morgen stellen Sie fest, daß die Toscana überfüllt ist. Von leeren Hotelbetten keine Spur. Mit Hilfe eines Geo-Special, das gerade seit einigen Wochen im Handel ist, finden Sie einen Bauernhof zwischen Siena und Florenz. Das Ehepaar aus München, das Sie dort treffen, hat gleichfalls Geo in der Hand, und noch viele werden – dann allerdings vergebens – in den nächsten Tagen diesem Tip von Seite 142 folgen. Sie treffen dort zufällig den Silberschmied von Seite 118. Bei Miranda, Seite 82, einem urigen Eßlokal, stoßen zu den Geo-Lesern noch die von dtv Merian dazu, die „dem guten Tip“ gefolgt sind (hier Seite 106).

Sie bilden sich aus Verzweiflung. Sie lernen, daß Chianti-Weine nicht gleich Chianti-Weine sind und doch so schmecken, als wären sie gleich. Sie lassen Ihren Wagen nicht aus den Augen. Sie bilden sich weiter in Florenz. Sie finden – purer Zufall – ein leeres Bett in einem kleinen Hotel, wo eine Reisegruppe alternder Schweizer sich breit gemacht hat. ihr Wagen steht in einer Nebenstraße. Sie zünden für sein Wohlergehen unzählige Kerzen vor diversen Altären an.

Für Florenz brauchen Sie Zeit. Vor den Uffizien müssen Sie mindestens eine halbe Stunde anstehen, vor den Raffael-Ausstellungen sich in Schlangen einreihen. In den Cafés lassen die Kellner Sie warten, über die Ponti Vecchio kommen Sie nicht, weil Aussteiger und Rucksacktouristen zwischen Ihren Füßen krabbeln.