Endlich konnte die CDU-Opposition einmal von Herzen der Hamburger Schulpolitik zukommen. Jahrelang hatten die Konservativen im Stadtstaat eine politische Polarisierung des Lehrerkollegiums und die einstige Beeinflussung der Schüler, besonders der Gesamtschüler, geargwöhnt. Doch Pillenknick und Elternwille scheinen nun einen Zankapfel aus der Welt zu schaffen: Langfristig soll eine der 25 Gesamtschulen ihre Tore schließen.

Entsprechend dem Schulentwicklungsplan nämlich muß der Fortbestand einer Schule garantiert sein. Garantiert ist das Weiterleben erst mit 70 Anmeldungen für einen Jahrgang, da sonst... „eine Diversifikation nicht mehr möglich ist und dann“, folgert die Refrentin des Schulsenatoren Joist Grolle, „kämen wir wieder zur Schule der 50er Jahre, mit nur einem Schwerpunkt.“ Zwei Grundschulen, zwei Gymnasien und eben einer Gesamtschule bleibt dieses Schicksal erspart; dort fallen im kommenden Schuljahr die fünften Klassen aus.

Daß mit den unterbesetzten auch die Gesamtschule Farmsen-Berne das Klassenziel mit nur 58 Anmeldungen nicht erreichte, freut seither die CDU und ärgert die FDP, deren jahrelanges Image als erklärte Gesamtschulbefürworterin nun als leicht lädiert gilt. Erhielten noch 1979 die Gesamtschulen den Status von Regelschulen und wurden damit den traditionellen anderen drei Schulformen gleichgestellt – wodurch sich Hamburg mit Hessen und Berlin als bildungspolitische Avantgarde profilierte – sieht Udo Hergenröder, Vertreter der Grün-Alternativen, nun mit dem Auslaufen Farmsen-Bernes die „Demontage der Gesamtschulen“ auf die Hamburger zukommen. Fridtjof Kelber, schulpolitischer Sprecher der CDU, erklärte die „einseitige Gesamtschulpolitik des Senators für gescheitert.“ Der Elternwille müsse endlich wieder Vorrang erhalten. Das findet nun auch Joist Grolle, dem des öfteren die Mißachtung der Elternentscheidung vorgeworfen wurde, weil er jahrelang Gesamtschulen als „Zukunftsschulen“ besonders zu fördern suchte. Ungeachtet seiner Bemühungen mochten in diesem Jahr nur 18,4 Prozent der Hamburger ihren Nachwuchs in die 25 Gesamtschulen der Hansestadt schicken. Den Eltern(un)willen gegen die Gesamtschule erklärte sich die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) mit den „zum Teil manipulativen Verunsicherungskampagnen der CDU.“

Ob wirklich CDU-Statements der vergangenen 15 Jahre schuld sind, daß in diesem Jahr weniger Eltern ihre Kinder auf die alternative Regelschule schicken, steht dahin. Allerdings sahen Christdemokraten eine pädagogisch fruchtbare Arbeit auf Grund politisch einseitig vertretener Lehrmeinungen an Gesamtschulen selten gewährleistet.

Dabei zeitigt die ebenfalls von der Unionsopposition kritisierte „No-Future-Mentalität“ der Kinder offenbar zumindest bei Gesamtschülern keine depressive Weltuntergangsstimmung. Ganz wie in Bremen entdecken auch hier die Hanseaten just dann ihre Liebe zur Penne, als deren Schließung anstand. Ein flugs gegründetes „Aktionskomitee Farmsen-Berne bleibt“ hat den Kampf gegen die schulpolitische Wende bereits aufgenommen, um ein „angemessenes regionales Angebot aller Schulformen, wie es das Hamburger Schulgesetz vorschreibt“ durchzusetzen. Ab 21. Mai ist eine Schulbesetzung geplant. Mehr als die Präsentation der Schule, die sich bislang konventionell auf Info-Abende, Tage der offenen Tür und offene Elternsprechtage geschränkte, soll das Engagement rund um die Uhr das Eltern- und Politikerbewußtsein beeinflussen.

Dörte Schubert