Im Theatersaal brodelt es: „Tun Sie doch nicht so, ab sei hier nichts geschehen. Dies Theater stirbt. Wir befinden uns hier auf einer Begräbnisfeier und wollen als Angehörige unter uns bleiben, wir bitten Sie deshalb, das Theater zu verlassen“. „Wie können Sie es wagen, einen so berühmten Regisseur zu beleidigen?“ „Bravo, Kleine, du wirst es weit bringen“. „Sie sind nicht unser Regisseur, der heißt nach wie vor Jurij Ljubimow, und wir hoffen auf ein Wunder“. „Erklären Sie uns doch bitte nur eines: Wie konnten uns ausgerechnet Sie, es fertigbringen, über die Schwelle dieses Theaters zu treten?“ Anatolij Efros, bislang Regisseur des Theaters an der Malaja Bronnaja, stellt sich in einer stürmischen Sitzung seinem neuen Ensemble vor – im berühmten Theater an der Taganka in Moskau.

Die Heftigkeit, die Empörung, ja Verzweiflung, mit der die Truppe auf die Ernennung des Anatolij Efros reagierte, konnte eigentlich in Moskau niemanden überraschen. Der Chef des Taganka, der leidenschaftliche Theatermann Jurij Ljubimow, war im Herbst letzten Jahres nach Inszenierungen im westlichen Ausland nicht zurückgekehrt und deshalb wegen „unentschuldigten Fehlens vom Dienst“ am 6. März entlassen worden. Den Schock, den die Ernennung Efros’ zu Ljubimows Nachfolger auslöste, rührt nicht daher, daß Efros ein untalentierter oder unbekannter Mann ist. Im Gegenteil: Efros und Ljubimow – gerade diese beiden Regisseure haben jahrelang das Theaterleben in Moskau geprägt. Aber: als Antipoden. Um es verkürzt zu sagen: Ljubimow ist ein Meyerholdmann, während Efros aus der Schule Stanislawskis kommt. Ljubimows publizistisches Pathos steht gegen Efros’ ästhetisierende Schöngeisterei, politisches Engagement mit knalligen theatralischen Effekten und Metaphern gegen psychologische Feinarbeit, Ensemble- gegen Startheater. Ljubimows Credo war immer die kritische Auseinandersetzung mit der Gegenwart – gleichgültig, ob er Dostojewski, Trifonow, Tschechow oder Bulgakow inszenierte. In der Stadt Moskau blieb das Theater an der Taganka dank seines Chefs Ljubimow eine einmalige Institution, auch wenn nicht jede seiner Inszenierungen ein genialer Wurf war. Für Ljubimow ist die Kunst eine Waffe, Efros liebt sie als l’art pour l’art.

Vor diesem Hintergrund nimmt sich die Ernennung von Ljubimows Gegenspieler zu seinem Nachfolger wie eine späte Rache der Kulturfunktionäre an ihrem ungeliebten Regisseur aus, denn sie ist eine glatte Absage an die Konzeption des Taganka-Theaters. Eine besondere Pikanterie liegt weiterhin darin, daß Efros Jude und parteilos ist. Diese Kombination ist normalerweise in Moskau nicht die Voraussetzung, um Hauptregisseur an einem so bedeutenden Theater wie dem Taganka zu werden. Vielleicht dachten die Kulturbürokraten just dadurch die Mäuler der Kritiker zu stopfen? Sollte es so gewesen sein, so haben sie sich gründlich verkalkuliert. Efros’ Ernennung stieß auf Ablehnung, ja Empörung eines großen Teils der Moskauer Intelligenzia. Die meisten stellten sich fassungslos die Frage: „Wie konnte Efros sich nur darauf einlassen? Ausgerechnet er?“ Sie erregten sich in ihren abendlichen Küchengesprächen und in stundenlangen Telefonaten ganz besonders darüber, daß Efros sich so übereifrig, so ungemein willfährig gezeigt habe, Ljubimows Erbe anzutreten.

Die moralische Verurteilung fiel ziemlich eindeutig aus, obwohl jedermann klar war, daß irgendetwas geschehen mußte. Das sich bereits seit einem halben Jahr hinziehende Drama um das Theater an der Taganka, das von immer neuen Hiobsbotschaften, Gerüchten, Vermutungen und Mitteilungen hinter vorgehaltener Hand begleitet war, konnte nicht ewig dauern. Ljubimow, dieser explosive Charakter, bekundete einerseits in Telefonaten mit Schauspielern und Freunden seinen Wunsch zur Rückkehr, gab andererseits Interviews, die bei einem politisch so erfahrenen Mann wie ihm eher vermuten ließen, daß er im Westen bleiben wolle. Gespräche mit seinem Regisseurskollegen Jefromow vom Moskauer Künstlertheater und dem Taganka-Schauspieler Smechow, die getrennt zu ihm eilten, brachten auch keine Klärung.

Was Ljubimow veranlaßt hatte, im Westen zu bleiben, ist in Moskau nur Anlaß zu Spekulationen. Insider sehen ein Gemisch von Motiven: aktueller Anlaß waren wohl die Forderungen von Kulturfunktionären, Änderungen an seiner neuesten Inszenierung des „Boris Godunow“ vorzunehmen, die Ljubimow kategorisch ablehnte. Es mag durchaus sein, daß den Sechsundsechzigjährigen Müdigkeit und Resignation im Umgang mit den von ihm als inkompetent empfundenen Kulturbürokraten befielen. Möglicherweise hoffte er aber auch – und diese Version hält sich hartnäckig – auf die direkte Unterstützung des damals schon kranken Andropow in dieser Auseinandersetzung. Viele sehen hinter Ljubimows Entschluß auch den Einfluß seiner um dreißig Jahre jüngeren dritten Ehefrau aus Ungarn, von der Eingeweihte sagen, sie habe nie in Moskau, sondern immer im Westen leben wollen und deshalb diesen Konflikt geschürt.

Was auch immer die Gründe gewesen sein mögen, die Situation für das Theater jedenfalls wurde von Monat zu Monat komplizierter. Die sonst so übereifrigen Funktionäre schienen von einer Art Lähmung befallen. Je länger sich diese Unentschiedenheit hinzog, desto aufgeregter zerbrachen sich die Moskauer den. Kopf über die Zukunft des Theaters. Allmählich schlug die Stimmung, die zunächst auf Seiten Ljubimows, dieses Einzelkämpfers gegen staatliche Bevormundung, war, um. Auch seine Fans begannen nun, sein Verhalten zu kritisieren. Sie warfen ihm vor, in der Welt herumzufahren, während er in Moskau 90 Schauspieler im Stich lasse und – etwas dramatisch wie die Moskauer nun mal sind – sein Lebenswerk zu verraten. Auch sein verlassenes Ensemble schimpfte heftig, gab aber die Hoffnung nicht auf; telefonierte, schrieb Briefe und Telegramme, bat Ljubimow, wenigstens mit seinen Interviews aufzuhören. Im Februar pilgerten dreizehn Abgesandte des Theaters zu Kultusminister Demitschew, dessen Absetzung Ljubimow öffentlich gefordert hatte. Demitschew bekundete sein Desinteresse an einem internationalen Skandal, deutete Möglichkeiten für Kompromisse an und verwies sie im übrigen an Moskaus Parteichef Grischin. Der Donnerschlag kam dann von der Kulturverwaltung des Moskauer Stadtsowjets, mit der Ljubimow seit eh und je in Fehde lag. Am 6. März, kurz nach Andropows Tod, wurde Ljubimow abgesetzt.

Verständlicherweise ging ein Schrei der Empörung durch das betroffene Ensemble. Die Taganka-Schauspieler sind eine aufeinander eingeschworene Truppe, die trotz lauter Kritik Ljubimow nachgerade fanatisch lieben. Wenn schon nicht Ljubimow weiterhin ihr Chef sein konnte, dann wollten sie wenigstens einen aus den Reihen der ihren – den früheren Taganka-Schauspieler und jetzigen Kino-Regisseur Nikolai Gubenko. Ernannt wurde Efros. Als dieser dann auch noch verkündete, er bringe seine Lieblingsschauspielerin mit, war das Entsetzen groß.