Dortmund: Bernhard Hoetger.

Wer ist Bernhard Hoetger? Ein verkannter deutscher Bildhauer, dessen Werk noch zu entdecken und interpretieren ist? Ein Eklektizist, der sich zwischen Deutschtümelei und Expressionismus, zwischen Germanentum und Faschismus verheddert hat? Die lieblose Retrospektive in seiner Heimatstadt trägt wenig zur Beantwortung dieser Fragen bei, läßt aber doch mehr Zweifel als Gewißheit zurück. Allzu heterogen erscheint das Werk, in dem sich die Stilrichtungen der Zeit spiegeln, vom Nachimpressionismus über den Expressionismus bis hin zu jenem verhunzten deutschen „Klassizismus“, dem ein Arno Breker den glatteren, politisch wohlgefälligeren Ausdruck verliehen hat. Hoetger, der von 1874 bis 1949 gelebt hat, wird von seinen heutigen Interpreten (so von Dieter Golücke im Katalog) als unpolitischer Künstler beschrieben, der allein seinem Werk verpflichtet gewesen sei. Vorsicht ist indessen geboten, wenn ein Künstler sich mit diesem Werk so offensichtlich in die Nähe der nationalsozialistischen Ideologie begeben hat, sei es auch aus einem zutiefst deutschen Mißverständnis heraus. Die Nazis haben Hoetgers Anbiederung zurückgewiesen, und vielleicht hat ihn das vor dem Schicksal Arno Brekers bewahrt. Aufgabe einer kritischen Würdigung wäre es indessen, die Wurzeln dieses Fehlverhaltens im Werk selber aufzuspüren. Stattdessen ist der Nachlaß aus vermutlich schlechtem Gewissen heraus zu Beginn der sechziger Jahre durch die Stadt Dortmund aufgekauft worden, dazu noch billig, weil die Witwe des Künstlers, der man eine Rente ausgesetzt hatte, bald danach verstarb. Seither lagert er unzulänglich gesichert in verschiedenen Kellern, unbetreut, der wissenschaftlichen Bearbeitung entzogen. Das Museum am Ostwall ist zwar Schauplatz der Ausstellung zu Hoetgers 110. Geburtstag, nicht aber eigentlicher Verantstalter. Daß man von einigen Arbeiten vor zwei Jahren Abgüsse hat herstellen lassen, die jetzt anstelle der Gips-Originale ausgestellt sind, grenzt an Barbarei dem Werk gegenüber. Auch Hoetgers Bemühungen um Architektur und Design sind nur unzulänglich dokumentiert, obwohl man hier durchaus einen der wirklichen Schwerpunkte des Werkes sehen kann. Immerhin werden Ansätze einer originellen expressionistischen Architektur deutlich, die von Hoetger in Worpswede und in der Bremer Boettcherstraße entwickelt worden sind.

Das eigentliche bildhauerische Werk ist nicht ohne Höhepunkte. Dennoch zeigen auch die besten Arbeiten jeweils deutlich fremde Einflüsse. So weisen die beiden „Fecondité“ betitelten Bronzen aus den Jahren 1903/4 auf das Vorbild Rodin. Auch in der Worpsweder Phase seines Schaffens bleibt der Bildhauer unstet, entwickelt sich kein wirklich eigenständiges Werk. Was einen dennoch für eine kritische wissenschaftliche Würdigung und Aufarbeitung dieses Werkes plädieren läßt, ist das fast exemplarisch „Deutsche“ an Hoetger, sein von dem Bremer Kaffeeröster Roselius beeinflußtes Germanentum, in dem sowohl Möglichkeiten als auch Gefahren und Grenzen einer deutschen Geistesgeschichte deutlich werden. Die Stadt Dortmund ist jedenfalls aufgefordert, einen seriöseren Umgang mit den Arbeiten sicherzustellen. (Museum am Ostwall, bis Mitte Mai, Katalog 24 DM) Hans-Peter Riese

Wichtige Ausstellungen

Berlin: „Edgar Degas – Pastelle – Ölskizzen und Zeichnungen“ (Nationalgalerie bis 20.5., Katalog 39 Mark)

Bonn: „Bernhard Schultze – Papierarbeiten – 1946 bis 1983“ (Rheinisches Landesmuseum bis 2ß.5., Katalog 25 Mark)

Düsseldorf: „Der westdeutsche Impuls: 1900-1914: Düsseldorf, eine Großstadt auf dem Weg in die Moderne“ (Kunstmuseum bis 20.5., Katalog 25 Mark)