Die Analphabeten kommen: Deutschkurse für deutsche Studenten. Schulbuch-Not. Immer weniger Geld für Büchereien.

Die Leute lesen immer weniger? Ja, was regen wir uns auf! Hat nicht einer unserer klassischen Autoren, ein fast vergessener, der kaum noch gelesen wird, vor dem Lesen sogar gewarnt?

Am 10. November 1798 schreibt der vierundfünfzigjährige Weimarer Superintendent Johann Gottfried Herder, der seit einem Vierteljahrhundert jährlich mindestens ein neues Buch herausbringt, seinem Freund, dem Romanschriftsteller Friedrich Heinrich Jacobi: „Lies nicht! Das verruchte Lesen schwächt die Seele und den Körper. Man wird aus sich selbst gerissen und hat im eigentlichen Sinne fremde Gedancken.“

Was würde der Prediger an der Stadtkirche zu Weimar sagen, der mit nie versiegender Feder für immer neue Leser-Scharen schrieb, wenn ihm der Rundbrief der „Deutschen Lesegesellschaft“ in Mainz zum „Tag des Buches 1984“ unter die Augen käme? Herder, der ein patriotisches „Institut für den Allgemeingeist Deutschlands“ plante, müßte zur Kenntnis nehmen:

daß 181 Jahre nach seinem Tode die Technische Hochschule Aachen Deutschkurse für deutsche Studenten anbieten muß, zu denen sich auch Germanisten melden;

daß die Zahl der Analphabeten mit Deutsch als Muttersprache bereits auf drei Millionen geschätzt wird und daß Volksschulkurse überlaufen sind, in denen erwachsene deutsche Staatsbürger in ihrer Muttersprache Lesen und Schreiben lernen können;

daß jeder dritte Westdeutsche nie ein Buch liest; daß die Zahl der Bücherleser in der Bundesrepublik seit zwanzig Jahren nicht mehr wächst, obwohl 1964 nur jeder zwanzigste, heute aber jeder vierte Jugendliche auf eine höhere Schule geht;