Andi-Chef Habbel möchte ein neues Spitzenmodell unter der Marke Horch entwickeln

Als Wolfgang R. Habbel hörte, daß in Lindau bei einer Versteigerung eine schön emaillierte Firmentafel des einstigen Automobilunternehmens Horch unter den Hammer kommen sollte, traf er unverzüglich Order, für das alte Stück bis zu 900 Mark bieten zu lassen. Nicht nur Nostalgisches im Sinn hat dabei der Vorstandsvorsitzende der Audi NSU Autounion AG (künftig nur noch Audi AG) in Ingoldstadt. Er spielt ernsthaft mit dem Gedanken, dem alten Namen zu neuem Leben zu verhelfen.

Die Marke „Horch“ war früher einmal eine der noch heute durch vier Ringe symbolisierten Marken der 1932 entstandenen „Auto-Union“ im sächsischen Zschopau – neben DKW, Wanderer und Audi Dabei war „Audi“ ebenfalls von August Horch kreiert worden, nachdem er 1909 aus seinem bisherigen Unternehmen ausscheiden mußte und danach eine neue Gesellschaft gegründet hatte. Um juristischen Komplikationen aus dem Weg zu gehen, griff er einfach auf die lateinische Übersetzung seines Namens zurück. Horch erzählt in seinen Lebenserinnerungen, wie man in der Wohnung seines Freundes eine Sitzung einberufen hatte und stundenlang über einen Namen brütete, während in einer Zimmerecke bescheiden der Sohn des Freundes saß und lateinische Vokabeln büffelte, dabei aber die hitzige Unterhaltung mitbekam. Plötzlich brach es aus dem aufgeweckten jungen heraus: „Audiatur et altera pars ... Vater, wäre es nicht richtig, anstatt Horch Audi zu sagen?“ Alle waren begeistert. Bald wurde der neue Name ins Handesregister eingetragen. Später kam auch Audi ebenso wie Horch unter das große Union-Dach.

Nach dem Krieg wurde der Neubeginn in Ingolstadt und Düsseldorf allein mit den DKW-Zweitaktern gewagt. Als diese im Wirtschaftswunderland nicht mehr verkäuflich waren, brachte die Auto-Union GmbH 1965 den ersten neuen „Audi“ mit einem von Daimler-Benz entwickelten Viertakter auf den Markt. Doch da war schon das Volkswagenwerk alleiniger Besitzer der Auto-Union, die dann 1969 mit NSU fusionierte. Den NSU-Modellen war nur eine kurze Gnadenfrist beschieden: 1977 wurde auch die Produktion des Wankel-„Flaggschiffes“ Ro 80 eingestellt.

In den letzten Jahren gelang es der ambitionierten VW-Tochter, sich mit ihren Modellen deutlicher von der Wolfsburger Mutter abzusetzen und sich als passable Alternative für BMW- und Daimler-Fahrer zu profilieren. Der neue Audi 200 signalisiert diesen Drang nach oben. Sehr geschickt versteht es Audi-Boß Habbel, die Devise „Vorsprang durch Technik“ vor allem mit einer Audi-Spezialität, dem „permanenten“ Vierrad-Antrieb zu assoziieren. Aber Habbel weiß, daß das Edel-Image nicht ausreicht, daß er irgendwann auf den Audi noch einen Super-Audi setzen muß, um noch erfolgreicher mit den beiden Nobel-Marken aus Untertürkheim und München konkurrieren und in ihre Fahrspuren einbrechen zu können. Und da stellt sich die Frage, ob für solch einen großen Wagen, ein neues Flaggschiff des VW-Konzerns, nicht ein weiterer „Ring“, die Marke Horch, wiederbelebt weiterer soll.

Auf jeden Fall muß dem angestrebten Prestige-Profil dann auch das Produkt entsprechen, und da dürfte es noch einige Zeit dauern, bis die VW-Tochter soweit ist. Sie muß sich noch weiter hocharbeiten zum Status-Symbol. Nach dem bisher besten Jahr 1983 mit einer Umsatzsteigerung um 31 Prozent auf 8 Milliarden Mark und einem kräftigen Gewinnschub sind die Chancen für solch ein qualitatives Wachstum jedenfalls größer geworden. Habbel versichert, daß eine bedenkenlose Ausweitung der Stückzahlen nicht sein Ziel sei, zumal die vorhandenen Kapazitäten beengt sind und nicht. daran gedacht sei, sie nennenswert auszuweiten.

Bei VW-Chef Carl H. Hahn wird Habbel, mit seinen Horch-Ambitionen vermutlich auf offene Ohren stoßen, sobald mehr Argumente für als gegen die neue Prestige-Marke sprechen. Hahns Vater war schon in den dreißiger Jahren im Vorstand der alten Auto-Union und zuletzt stellvertretender Vorstandsvorsitzender in Ingolstadt.

Die Rechte für die Marke Horch lagen seit den sechziger Jahren bei VW und Daimler-Benz gemeinsam. Doch die Untertürkheimer versäumten, sie rechtzeitig erneuern zu lassen – im Gegensatz zu Wolfsburg. Juristische Barrieren sind also kaum zu erwarten. Hermann Bößenecker