Von Hinrich Bäsemann

Eine „Startbahn Süd“ war kürzlich Anlaß und Thema erregter Diskussionen unter den Teilnehmern eines Seminars der Umweltschutzorganisation Greenpeace in Hamburg. Diese Start- und Landebahn hatten die Franzosen im vergangenen Sommer in ihrer Antarktisforschungsstation Dumont D’Urville angelegt und dabei eine Kolonie von Adelie-Pinguinen arg in Mitleidenschaft gezogen. Gegen Umsiedlungsaktionen hatten sich die aufrechten Vögel in ihrem regen Wandertrieb immer wieder geweint. Als schließlich gesprengt wurde, hatte das schlimme Folgen: Viele Tiere kamen dabei um, viele Jungvögel und Eier wurden von den Eltern verlassen, und auf dem nach der Sprengung ungewohnt scharfkantigen Gestein zogen sich die Pinguine erhebliche Schnittwunden an Körper und Füßen zu.

Die Frage, wie solche Eingriffe in Zukunft vermieden werden könnten, bewegte Umweltschützer und Wissenschaftler auf dem Hamburger Greenpeace-Seminar. Die an der Forschungsstation angerichteten Zerstörungen wertete man als Symptom für den labilen Zustand des Südkontinents, der immer mehr zum Spielball internationaler Machtpolitik wird. Greenpeace befürchtet einen schrankenlosen Wettlauf zu den natürlichen Ressourcen dieses Kontinents. Erze zahlreicher begehrter Metalle und riesige Kohlenvorräte sind bereits kartiert. Die ausgedehnten Schelfmeere rings um die Antarktis sollen große Erdöl- und Gasvorkommen enthalten; die großen Konzerne planen bereits Explorationsmethoden, die den extremen Bedingungen des tiefen Südens standhalten können. Ganze Flotten sowjetrussischer und japanischer Fischer stellen den immer mehr schwindenden Walen und dem Krill nach.

Diese Aktivitäten haben die Umweltschutzorganisation Greenpeace bewogen, sich um den weißen Superkontinent zu kümmern, der immerhin über 90 Prozent der gesamten Süßwasservorräte der Erde beherbergt. Mit dem Vorschlag, einen „Weltpark Antarktis“ zu schaffen, hatte sie zu dem Seminar ins Haus Rissen der Hansestadt eingeladen. Es ging auf der gut besuchten Veranstaltung darum, Naturschützer und Fachwissenschaftler an einen Tisch zu bringen, Wissen und Erfahrungen auszutauschen, einander kennenzulernen und die Probleme zu diskutieren. Vom Polarforschungsinstitut aus Bremerhaven über die Bundesanstatt für Geowissenschaften und Rohstoffe aus Hannover bis zu mehreren Universitäts- und Max-Planck-Instituten waren die Spitzen der deutschen Antarktisforschung erschienen, ein Novum in der Umweltszene.

Es zeigte sich im Laufe des Wochenendes, daß das eigentlich gar nicht so verwunderlich war, da sich die meisten Wissenschaftler durchaus auch als Naturschützer betrachten. Ein hoher Anteil aller Beschlüsse, die die Unterzeichner des Antarktisvertrages gefaßt haben, gilt gerade den Problemen der Umwelt. Ihnen ist es zu verdanken, daß der Verschmutzungsgrad in der Antarktis auch heute noch, wo sich jährlich einige Tausend Menschen auf dem Eis aufhalten, relativ gering ist – auch wenn in Pinguinen DDT und PCB gefunden worden ist, Müllhalden der Stationen zum Himmel stinken oder neue Landebahnen angelegt werden.

Die Gesamtsituation ist noch so, daß sich der Einsatz für den Status quo lohnt. Weltweit haben die Umweltschützer und besonders auch Greenpeace damit begonnen, die Antarktis vor einer möglichen Bedrohung durch die Folgen weltweiter Rohstoff- und Energieverknappung zu bewahren. Sie fordern, daß die gegenwärtig laufenden Verhandlungen über die Nutzung der Bodenschätze vom Tisch müssen. Dafür sollte das 1975 von Neuseeland vorgeschlagene Konzept zur Errichtung eines gewaltigen „Weltparks Antarktis“ wieder verhandelt werden. Auen die eisfreien Gebiete der küstennahen Meere sollten miteinbezogen werden. Weiter wünscht Greenpeace keine Krillfischerei bis zur erwiesenen Unbedenklichkeit, keinen Walfang in den Südpolarmeeren, keine Wiederaufnahme der Robbenjagd und vor allen Dingen eine internationale wissenschaftliche Zusammenarbeit mit freiem Austausch der Daten sowie die Bildung einer antarktischen Umweltschutzbehörde.

Eine Reihe der anwesenden Vertreter der Antarktisstaaten fragten sich und die Umweltschützer, was denn an dem geforderten Konzept besser sei als dem bestehenden Antarktisvertrag. Besonders Australien wehrte sich heftig gegen eine andere Organisationsform als die bestehende. Auch die UdSSR weist jedes kommerzielle Interesse an den Bodenschätzen des kalten Kontinents weit von sich. Ihr Argument, all diese Stoffe seien in ihrem eigenen Land viel preisgünstiger zu fördern, hat durchaus etwas für sich.

So spielt der Kommerz bei den Schutzbestrebungen eine nicht unerhebliche Rolle. Solange die Rohstoffpreise für Erze und Kohlenwasserstoffe ein gewisses Niveau nicht überschreiten, hat niemand ein Interesse an einer Nutzung der schwer zugänglichen antarktischen Ressourcen. Gerade deshalb, meinen die Vertreter von Greenpeace, sei es jetzt noch möglich, einigermaßen frei und ohne größeren Zeitdruck zu verhandeln, um das empfindliche Ökosystem der Antarktis mit seiner unvergleichlich klaren und reinen Luft, seinen Pinguinen, Robben und Seevögeln für nachfolgende Generationen zu erhalten.