Alles dürfen Sie Ihrer Reisegruppe zeigen“, hatte uns der Chefausbilder eingeschärft, „nur nicht, daß Sie als künftiger Reiseleiter Angst haben. Die Gruppe will zu Ihnen aufschauen können, staunend Ihren Ausführungen lauschen; Sie sind der, der alles weiß und alles kann.“

Und so strecke ich mein Kreuz durch und demonstriere Gelassenheit. Locker, ganz locker halte ich einen Stegreifvortrag über die Schönheit verschneiter Landschaften, schildere in bewegten Worten die Anmut einer gotischen Madonna, die ich selbst erst seit zehn Minuten kenne. Ich gehöre zu den zwanzig, die in die Endausscheidung um einen der begehrten Jobs als Studienreiseleiter bei Deutschlands größtem Spezialreiseveranstalter gekommen sind. Die meisten meiner Mitbewerber haben ein abgeschlossenes Studium hinter sich, viele sind Lehrer, Kunstwissenschaftler, Geographen, auf der Namensliste prangen zwei Doktortitel.

Über 200 waren es, die sich im letzten Jahr beworben hatten. Wer nur für ein oder zwei Touren im Jahr Zeit hatte, wurde ebenso gleich auf Anhieb ausgemustert wie die Interessenten, die erkennbar nur auf preiswerte Art die Welt kennenlernen wollten. Übrig blieb unser kleines Grüppchen.

Man hatte uns gesagt, daß uns ein „rollendes Seminar“ erwarte, erst ein Tag in München, dann mit dem Bus hinaus „irgendwohin in eine schöne Stadt“. Abwechselnd würde jeder einmal den Reiseleiter mimen, während der Rest der Gruppe die Reiseteilnehmer darstellt.

Doch dem eigentlichen Vier-Tage-Trip ist noch ein letzter Test vorgeschaltet. Wer bis hierher durch Bluff vorgedrungen ist, muß nun Farbe bekennen: „Was heißt ‚Flugabfertigungshalle‘ auf englisch?“ – „Erklären Sie den Begriff ‚Basilika‘!“ – „Definieren Sie Bruttosozialprodukt!“ – „Wieviel Devisen darf man nach Italien mitnehmen?“

Bald wird den Teilnehmern klar, daß die aufmerksamen Ausbilder auf den Notizblöcken nicht nur die Antworten vermerken. Mindestens genauso viel Wert wird auf die Art der Erklärung gelegt. Wer läßt sich beirren, wer zittert am ganzen Leib, wer wirkt souverän? „Wir brauchen keine wandernden Lexika, wir brauchen Persönlichkeiten“, heißt das entscheidende Auswahlkriterium.

Nachmittags im Münchner Nationalmuseum: Jeder bekommt einen Saal zugewiesen, einen knappen Museumsführer in die Hand gedrückt. Zehn Minuten habe ich Zeit, dann muß ich den anderen „mein“ Kunstwerk vorstellen. Hier zahlt sich Erfahrung aus. Christian, 29, hat während seiner Semesterferien als Kunststudent häufig in Museen geführt. Routiniert stellt er uns im Halbkreis auf, steigt auf eine kleine Stufe, spricht, als wäre er der Künstler persönlich. Die nächsten Kollegen machen mich wieder mutiger. Da verliert schon mal einer den Faden, eine andere verliert dert sich in ihren eigenen Satzanfängen.