Drei Filme des Japaners Yoji Yamada im ZDF: „Das gelbe Taschentuch 22. Mai, 19.30 Uhr; „Wo der Frühling später kommt“, 8. Juni, 22.50 Uhr; „Ein ferner Schrei des Frühlings“, 17. Juni, 15.20 Uhr

Die städtische Architektur steht im Gegensatz zur Natur; die Industrie verschmutzt und zerstört. Yoji Yamadas Filme argumentieren nicht, sie stellen fest. Das Äußere hinterläßt seine Spuren im Innern; der Raum, der die Menschen umgibt, prägt auch ihren Charakter. Yamada sagt, die Verschmutzung der Umwelt bedeute auch Verschmutzung der Herzen.

Yamada dreht Filme in Cinema Scope: sein Blick auf die Menschen schließt ihre Umgebung mit ein. Landschaft und Stadt bilden Gegensätze, die sichtbar werden.

„Wo der Frühling später kommt“ (1970) erzählt von der Reise einer Familie aus dem Süden, die im Norden sich ein neues Glück erhofft: auf der Insel Hockaido, „wo man friert, wo das Leben rauh und schwer ist“. Die Reise führt die Familie durch ganz Japan. So protokolliert der Film zugleich den Zustand des Landes und seiner Menschen. Freundliche Gefühle gibt es nur beim Abschied und bei der Ankunft. Nur in abgelegenen Dörfern gibt es noch Reste des traditionellen Gemeinschaftslebens. Die Großstädte dagegen sind kalte, labyrinthartige Orte voller Ignoranz und Unmenschlichkeit. Durch Osaka, die Stadt der Weltausstellung, irrt die Familie, als befände sie sich auf einem fremden Planeten. Und in Tokyo wird die Reise zum Fiasko: die Hauptstadt bedeutet Krankheit und Tod. Sogar die Suche nach einem Arzt scheitert an Ordnungssystemen und menschlichem Desinteresse.

Hoffnung auf Leben, auf Arbeit und Freude deuten erst Hokkaidos weite Landschaften wieder an. Nur an den Grenzen gibt es noch Raum für Tradition und herzliches Miteinander. Die Kälte dort geht von der Natur aus. Schnee und Eis aber lassen sich leichter ertragen als Gleichgültigkeit und Geschäftemacherei. Als der Frühling kommt, wird sichtbar, daß unter Schnee und Eis ein Paradies verborgen lag.

Yamada ist ein Propagandist weiter, kaum berührter Landschaften. Seine Helden – oft soziale Außenseiter – brauchen den Raum, um sich zu erfahren, zu erleben. In allen drei Filmen gibt es diesen Raum nur auf Hokkaido. Die Insel, die oft wie in amerikanischen Filmen der Westen inszeniert ist, bietet das Land, das den Helden noch herausfordert. In dem Maße, in dem er dieses Land durchstreift oder bearbeitet, bewährt er sich auch. Hokkaido ist für Yamada der Ort, wo noch Utopisches geschieht: wo die Einheit von Mensch und Natur noch möglich oder wenigstens denkbar ist. Aber man muß hart sein, um dort zu überleben. Der Held in „Ein ferner Schrei des Frühlings“, Ken Takakura (der auch im Westen bekannt ist durch seine Rolle in Sydney Pollacks Film „Yakuza“) sagt zu einem kleinen Jungen: „Wenn man nicht draufgehen will, muß man viel wegstecken“.

Doch Yoji Yamada ist nicht nur ein Meister in der dramaturgischen Handhabung von filmischem Raum. Er ist, so die amerikanische Zeitschrift Variety, auch „ein Meister in der Handhabung von Gefühlen“. Yamada selber sagt, er wolle traurige Geschichten so komödiantisch wie möglich erzählen. Und er arbeitet intensiv mit Farben. Seine Filme sind auch zu sehen als Variationen zwischen Rot und Gelb. Nur das Grün der Insel Hockaido leuchtet in „Ein ferner Schrei des Frühlings“ (1980) einmal noch stärker; es erinnert an das Grün, mit dem John Ford in „The Quiet Man“ Irland verklärte.