Von Hermann Bausinger

Es gibt eine Gattung von Büchern, in denen Latrinalia, Klo-Sprüche, Fäkalwitze und alle erdenklichen Arten von Rückenansichten ausgebreitet sind. In den Antiquariatskatalogen und Bücherverzeichnissen erscheinen sie oft versteckt unter der dezenten Überschrift „Kulturgeschichte“. Die Interessenten wissen sie trotzdem aufzuspüren, und es gibt offenbar genügend Sammler, die sich auf diese Kehrseite bürgerlicher Wohlanständigkeit konzentriert haben. Solche Bücher brauchen – und verdienen – keine Rezension.

Nun aber hat sich ein amerikanischer Anthropologe und Folklorist die Mühe gemacht, diese fragwürdige Tradition nicht nur pauschal zu charakterisieren, sondern den ganzen Mist zu einer odiösen Perlenschnur aufzureihen, die er den Deutschen um den Hals hängt – als einen wichtigen und unentrinnbaren Zug ihres Nationalcharakters: Alan Dundes: „Life is Like a Chicken Coop Ladder – A Portrait of German Culture Through Folklore“; Columbia University Press, New York, 1984; 174 S., 17,50 Dollar.

Alan Dundes, Professor in Berkeley, ist einer der führenden Vertreter seiner Zunft. Die Mehrzahl amerikanischer Folkloristen zählt zu den konservativen Buchhaltern alter Traditionen (die hier freilich mit Pioniergeist erfüllt sind und zudem durch den Gedanken ethnischer Identität an Bedeutung gewonnen haben). Dundes dagegen unternimmt Vorstöße ins Dickicht der Städte und der Industriegesellschaft. Er hat beispielsweise erforscht, was man „Xeroxfolklore“ genannt hat, die mehr oder weniger witzigen Schriftstücke und Zeichnungen, die in Büros von Hand zu Hand gereicht werden. Und er versucht ständig, die Wissenschaft, die sich mit Volksüberlieferungen befaßt, von der bloßen Sammlung und Beschreibung zur kritischen Analyse voranzutreiben. Zur Psychoanalyse: er baut auf Freud.

Alan Dundes’ jüngstes Buch ist ein großangelegter Essay mit einem anspruchsvollen Untertitel, der ein umfassendes Bild der deutschen Kultur verspricht, und mit einem provokant-banalen Titel: „Das Leben ist wie eine Hühnerleiter“. Der Sinn dieser Wendung liegt auf der Hand, aber die deutsche Folklore tappt ihn aus: „Man kommt vor lauter Dreck nicht weiter“; „und wenn man endlich oben ist, so steckt man drin im tiefsten Mist“ – oder kurz und deutlich: „beschissen von oben bis unten“. In dieser „analen“ Lebensauffassung und in ihrer hemmungslosen Darbietung sieht Dundes einen Zug des deutschen Charakters eingefangen, und sein Buch führt den Leser in einer anrüchigen Tour de force durch einen Morast von Beweisstücken.

Da ist der Kult der Misthaufen, die schon im Simplicissimus der plündernden Soldateska als Indikatoren für reich oder arm dienten und die noch bis in die jüngste Zeit als unübersehbare Prestigesymbole vor die Bauernhäuser gesetzt wurden. Da ist der fragwürdige Toilettenhumor, der zur Produktion von Scherzartikeln in der Form von Klosetts, aber auch in der Form ihres Inhalts geführt hat, ja der in Berlin sogar eine gut besuchte Klo-Bar entstehen ließ, in der man auf Klo-Brillen sitzt und sich den Mund mit Toilettenpapier abwischt. Da sind Dukatenscheißer aus Schokolade und sich von hinten beschnüffelnde magnetische Spielzeughunde. Da sind ganze Gesellschaften, deren einziger Vereinszweck es ist, Götz von Berlichingens LmiA-Ausspruch zu „pflegen“ und zu feiern. Da ist die Umgangssprache, in der Scheiße – als negative Bewertung, aber auch als Steigerung – einen unbestrittenen Rang einnimmt; und da sind nicht zuletzt die vielen Verse, in denen mit Vorliebe die Auswüchse bürgerlicher Kultivierung in den Dreck gezogen werden: auf das Paradekissen wird nicht nur des Reimes wegen geschissen.

Der deutsche Leser folgt dem Kurs nur widerwillig. Er sucht eine Position, die erfolgreichen Widerstand verspricht. Aber der amerikanische Autor hat den Parcours so glitschig ausgelegt, daß es schwer fällt, Halt zu gewinnen. Auch der Versuch, diesem zweitklassigen Volkshumor dadurch zu entkommen, daß man ihn den ungebildeten Schichten zuweist, schlägt fehl. Alan Dundes zielt aufs ganze Volk, und es fällt ihm nicht schwer, auch aus der Hochkultur eindrückliche Belege analer Orientierung beizubringen: