Das eidgenössische Volk hat vermutlich voreilig entschieden: Der bürokratische Aufwand zur Eintreibung der Autobahngebühren steht in keinem Verhältnis zu den Einnahmen.

Wie sie aussehen soll, die Schweizer Autobahn-Vignette, das hat der eidgenössische Bundesrat jetzt beschlossen. Wie sie aber an die voraussichtlich zehn bis zwölf Millionen Autos und Motorräder gebracht werden soll, darüber zerbricht man sich bei der zuständigen Oberzolldirektion noch den Kopf. Hoher Verwaltungsaufwand und Fälschungen drohen. Die finanziellen Erwartungen, die sich an den Volksentscheid knüpfen, werden sicherlich nicht erfüllt.

Der 30 Franken teure Scheibenkleber für Helvetiens „Nationalstraßen erster und zweiter Klasse“ hat vorne links hinter der Scheibe zu kleben. Er zeigt das bekannte Autobahn-Symbol auf grünem Grund; darunter prangen laut bundesrätlichem Entscheid die Jahreszahl (groß) und die Kontrollnummer (klein).

Etwa zwanzig Rappen wird die Herstellung einer solchen Vignette kosten. Der Verkaufsertrag soll sich im Startjahr 1985 auf rund 200 bis 250 Millionen belaufen. Rund 50 Millionen davon gehen dabei zu Lasten der Schweizer. Zurückhaltend kommentiert der eidgenössische Touring-Club diese Berechnungen in seiner wöchentlichen Mitgliederzeitung: „Was der schweizerische Nationalstraßenbenützer für den Scheibenkleber bezahlt, wird gemäß behördlichen Schätzungen dafür ausgegeben, die Steuer von den Ausländern eintreiben zu können.“

Doch das ist noch nicht das Schlimmste. Da niemand gezwungen werden kann, den Sticker zu kaufen, tut Kontrolle auf den Autobahnen not. Das freilich wird so leicht nicht sein. Da gibt es zum einen Fahrzeuge des öffentlichen Dienstes, die von der Autobahngebühr befreit werden sollen. Zum anderen soll der Nahverkehr, zum Beispiel bei Basel und im Tessin, nicht auf die kurvenreichen, gefährlichen Haupt- und Ortsstraßen zurückgedrängt werden, weshalb geplant ist, die ersten zehn Kilometer Autobahn ab Landesgrenze grundsätzlich gebührenfrei zu lassen.

194 schweizerische Straßenzollämter werden, auch an Wochenenden, die Vignetten verkaufen. Ohne zusätzliche Arbeitskräfte geht das nicht. Doch außerdem müssen auch für jene Touristen Verkaufsstellenmöglichkeiten eingerichtet werden, die sich erst im Landesinneren zur Autobahnfahrt entschließen. Sollen nicht unzumutbare Wartezeiten an den Grenzen entstehen, müssen außerdem in den Nachbarländern der Schweiz Verkaufsstellen geschaffen werden.

Die Schweiz rechnet mit fünf bis sechs Millionen Aufklebern pro Jahr im „Vorverkauf“. Das setzt allerdings die Zustimmung der Nachbarstaaten voraus. Sollten die sich weigern, wird die Vignetten-Aktion noch problematischer für die Eidgenossenschaft. Die Frage nach dem Verhältnis von Kosten und Nutzen bei der „Aktion Scheibenkleber“ ist noch nicht beantwortet. Fest steht allein, daß einem möglichen Einnahmeplus ein gehöriges Image-Minus gegenübersteht. Leh