Von Ralf Dahrendorf

Auf den ersten Blick sind das drei sehr verschiedene Paar Schuhe: In der Bundesrepublik veranstalten die Gewerkschaften der Drucker und Metallarbeiter Urabstimmungen für Streiks, die durch Verkürzung der Arbeitszeit zugleich eine massive Erhöhung des Stundenlohns und Arbeitsplätze für Beschäftigungslose bringen sollen. In Großbritannien organisieren die Bergarbeiter einen gegen die Schließung von Zechen, aber vornehmlich gegen die Gewerkschaftsgesetze der Regierung gerichteten Streik ohne die Zustimmung der Mehrheit, indem sie durch Streikposten arbeitswillige Kollegen am Betreten ihrer Zechen und Stahlwerke zu hindern suchen. In Frankreich zerstören aufgebrachte lothringische Stahlarbeiter zuerst die Häuser und Büros ihrer örtlichen Abgeordneten und reisen dann nach Paris zu einer Massendemonstration gegen die sozialistische Regierung, um eine wirksame regionale Industriepolitik zu verlangen.

Bei näherem Hinsehen fallen dann die Gemeinsamkeiten auf, negative Gemeinsamkeiten zunächst: Da ist nichts mehr von friendly societies, den Selbsthilfeorganisationen der Frühzeit des Gewerkschaftswesens. Sie sind in der Tat längst durch Systeme sozialer Sicherheit ersetzt worden. Da ist indes auch nicht mehr in erster Linie die Kampforganisation für einen größeren Anteil am wirtschaftlichen Kuchen, für Lohnerhöhungen, die mit denen der Produktivität zumindest Schritt halten. Dennoch bleibt das Ritual der Tarifverhandlungen wichtig; aber es führt nur noch selten zu Kampfmaßnahmen. Nicht einmal der enorme Abstand zwischen ihren zweistelligen Forderungen und den vier Prozent, die das National Coalboard anbietet, hätte die britischen Bergarbeiter zu ihrem Versuch geführt, durch Streikposten die Kohle- und Stahlindustrie einzuschnüren; im deutschen Fall sind die eigentlichen wie die indirekten Lohnforderungen fast schon aus dem Blickfeld verschwunden.

Noch etwas anderes steht nicht mehr im Vordergrund: Das sind die selbstbewußten politischen Forderungen von Organisationen, die wissen, daß die Zukunft auf ihrer Seite steht. Die Forderung nach dem Acht-Stunden-Tag war ein Stück Verlangen nach Gerechtigkeit, nach Bürgerrechten für alle. Sie verband Gewerkschaften und sozialistische Parteien, und sie fand viel Unterstützung bei anderen Gruppen. Überhaupt galt das für die elementaren Forderungen nach einer anständigen Existenz, die die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg kennzeichneten, ebenso wie für die nach der notwendigen Umverteilung, also dem Ausbau des sozialen Netzes, die in vielen Ländern die zweite Nachkriegszeit bestimmten. Das war politisch gewendete wirtschaftliche Macht. Am Ende fand sie ihren Ausdruck nicht nur in den Wahlsiegen sozialistischer Parteien, sondern auch in der Teilnahme der organisierten Arbeitnehmer an der Ausübung der Macht, sei es in der Form der „Mitbestimmung“, der „Konzertierten Aktion“, des „Sozialkontrakts“ oder wie auch immer.

Die Gewerkschaften, die wir heute am Werk sehen, sind ihrem Charakter nach anders. Kaum zwei Jahrzehnte nach dem Scheitelpunkt ihrer Macht sind sie nicht mehr die vorwärtsweisenden Organisationen selbstbewußter Zukunftsgruppen. Vielmehr ist ihre Thematik defensiv, und ihre Anhängerschaft ängstlich. Die Gewerkschaften sind zu Verteidigungsorganisationen absteigender sozialer Gruppen geworden. Das bezeichnet ihren Stil, die Inhalte ihres Kampfes, ihrer Schwäche und auch ihrer Stärke.

An den Inhalten der Auseinandersetzung läßt sich diese Wende überall ablesen. In Frankreich (und nicht nur dort) verlangen die Gewerkschaften vor allem Schutz. Sie wollen, daß die Regierung ihre Mitglieder so behandelt, wie Landwirte längst schon behandelt werden. Ohnehin sind alle Industrieländer manchen Schritt in diese Richtung gegangen; in Europa hat die EG das ihre dazu beigetragen, daß der Schutz absteigender Gruppen (in der Stahlindustrie, der Textilindustrie) institutionalisiert wird. Was heute Industriepolitik, geschweige denn Regionalpolitik genannt wird, ist längst schon nicht mehr eine Politik der positiven Entwicklungsanreize, sondern eine Form der Sozialpolitik mit der Hilfe für Fußkranke. Die Gewerkschaften vertreten diese Fußkranken lautstark und wirksam. Übrigens nicht selten Arm in Arm mit den „Unternehmern“ ihrer Branche. Sie sind Teil jener Zeit des Protektionismus, die den Jahrzehnten des Wachstums gefolgt ist.

In Frankreich wie in Großbritannien ist das Verlangen nach Schutz immer auch das nach der Erhaltung vorhandener Arbeitsplätze. Dabei gilt die Konkurrenzfähigkeit der Industrie wenig, das Verhindern von Veränderung viel. In Großbritannien kommt indes etwas anderes hinzu. Frau Thatcher hat an einem der geheiligten Prinzipien der britischen Gewerkschaften gerührt, nämlich, daß sie in einem gleichsam rechtsfreien Raum operieren. Seit dem Trade Disputes Art von 1906 konnten britische Gewerkschaften rechtlich für die Folgen ihrer Kampfmaßnahmen nicht belangt werden. Heute gibt es Gesetze, die zudem eine gewisse Wirkung zeigen. Die Gewerkschaften sehen diese Gesetze mit recht als Symptom ihrer Schwäche. Das deutsche Beispiel ist am kompliziertesten. Gewiß hat der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit immer auch ein defensives Element. Die Geschichte der Druckergewerkschaften ist ohnehin durch den Versuch der Verteidigung eines der angesehensten Berufsstände gegen die Wirkungen der modernen Technik gekennzeichnet. Andererseits hat die Forderung nach Verkürzung der Arbeitszeit zum Zweck der Arbeitsplatzschaffung etwas Altruistisches. Sie scheint die durch Meinungsforschung erhärtete These zu bestätigen, daß die Beseitigung der Arbeitslosigkeit generell eine „altruistische“ politische Forderung ist (so James Alt in seinem Buch über Politik des wirtschaftlichen Niederganges). Nicht die Arbeitslosen erheben sich, sondern diejenigen, die die Arbeitslosigkeit entweder befürchten oder aber schlicht unerträglich finden. Daher ist auch nicht die Revolution der Arbeitslosen die politische Konsequenz, sondern die Reaktion derer, die Unordnung und andere soziale Kosten der Arbeitslosigkeit nicht ertragen können oder wollen.