Von Aloys Behler

Alle vier Jahre steht die Welt verdutzt an der Bahre der Olympischen Idee. Die schöne Leiche, mehrfach schon bestattet, wird immer wieder ausgebuddelt. In diesen Tagen, nach der Absage der Sowjetunion an die Spiele in Los Angeles, ist wieder einmal Beisetzung angesagt: „Russen-Boykott! Ende Olympias?“ Die Schlagzeilen tragen Trauerflor, und die Öffentlichkeit hat angesichts einer sport- und machtpolitischen Groteske die Wahl zwischen Weinen und Lachen.

Olympischer Friedhof statt olympischen Friedens. Doch der Betrieb geht weiter. Verblüffend schnell wird in dem als Teilnehmerkreis verbliebenen Rest der Welt nach „Plan B“ verfahren. Die neue Lage eröffnet neue Aspekte. Längst verschrottete Medaillenhoffnungen werden wieder aktiviert; die durch die Absage aus dem Ostblock gerissenen Lücken lassen sich durch erhöhte Kontingente aus dem Westen stopfen. Die olympischen Nachrücker sind gerufen, allenthalben werden nun eilends die „Endkampfchancen“ neu kalkuliert,’ die Aufgebote aufgestockt.

Bestürzung, Enttäuschung, Betrübnis überwiegen in den Reaktionen auf den Beschluß der Sowjets und verbündeter Länder, den Spielen fernzubleiben. Unüberhörbar sind aber auch Stimmen von Athleten, die nach dem Ausfall der Konkurrenz den eigenen sportlichen Vorteil begrüßen – als gerechten Ausgleich für die in Moskau 1980 entgangene Gelegenheit. Egal, wer kommt, wenn nur der eigene Medaillenweizen blüht. Aus solcher Einstellung spricht die Herzenshärte der schön einmal Geprellten. Der brutale Zugriff der Politik wirkt sich aus in einem korrumpierten Sportverständnis.

Relativ gelassen haben die Amerikaner, hat Los Angeles den russischen Korb aufgenommen. Dies ist zu einem nicht geringen Teil wohl darin begründet, daß der olympische Sport – trotz Schwimmern, trotz Leichtathleten – in dieser Stadt und in diesem Land im Grunde nicht heimisch ist, auch nach den Spielen von 1932 hier keine Wurzeln geschlagen hat. Was ist aller olympischer Sport gegen Baseball oder Football? Das Hauptinteresse des olympisch ziemlich unbefangenen amerikanischen Sportpublikums galt von vornherein den Medaillengewinnen der Landsleute. Die sind nun weniger gefährdet als je. Also warum sich über die Maßen aufregen?

Gelassenheit, worauf immer sie sich gründet, ist im Umgang mit allem Olympischen ein geradezu untypisch wohltuendes Verhalten. Normal ist ja inzwischen, daß bei Olympia nichts mehr ohne Spektakel abgeht. Darin liegt der Kern allen Übels. Die allfälligen Trommelwirbel sind es ja, die Olympische Spiele als Opfer für die Politik so attraktiv machen. Gelassenheit ist darum den olympischen Funktionären, den Herren (und neuerdings auch Damen) des IOC zu empfehlen, wenn sie an die Zukunft ihrer Spiele denken: Es steht schlimm genug um diese Spiele, daß man sie nun endlich einmal aus gehöriger Distanz betrachten sollte.

Südkoreas Hauptstadt Seoul ist ausersehen als Treffpunkt der nächsten Sommerspiele 1988. Die Phantasie reicht nicht aus, sich vorzustellen, daß dort, ausgerechnet dort, Amerikaner und Russen wieder Seite an Seite in die olympische Arena einziehen werden. Im Eklat von Los Angeles ist der Eklat von Seoul schon programmiert, wie der Boykott von Los Angeles in dem Boykott von Moskau 1980 programmiert war. Wer will, mag sich die Kommentare zum Jumbo im koreanischen Olympialaden heute schon einfallen lassen.