Schon immer waren die Europäer mehr von China beeindruckt als umgekehrt. Erst jetzt öffnet sich das Land, wenn auch zögernd und in erster Linie für Wirtschaft und Handel, dem Westen. Und wenn heute ein Chinese „nihao“ sagt, kann das durchaus schon „willkommen“ bedeuten. Die Traditionen für Kunst und Kultur blieben dagegen bisher unverändert.

So gibt es beim chinesischen Theater kaum Dekoration, höchstens Requisiten. Wie bei Shakespeare werden Zeit und Schauplatz der Dramen durch die Rollentexte verdeutlicht, Schminke und Kostüm erzielen die Identifizierung der Charaktere Stilistische Bewegungen sind Symbole für Handlungen und Gefühle. Beliebte Themen waren und sind ungerecht verhängte Strafen, Komplotte für gute Zwecke oder die zerstörerische Macht der sexuellen Begierden. Traditionell werden Frauenrollen von Männern gespielt.

Viele „Boxer“ sprachen im Umgangston des Theaters und nahmen für sich die magische Kraft der bekannten Gestalten des chinesischen Theaters in Anspruch wie die der Krieger, Götter oder gar des unschlagbaren Affen.

Der „Boxer“-Aufstand begann 1899, als sich zwei antichristliche Gruppen, meist jugendliche Anhänger des Kampfsports, als „Faustkämpfer für Recht und Freiheit erhoben. Die meist Ultrakonservativen kämpften gegen alle Quellen des vermeintlichen Übels: die westlichen „Teufel“, Eisenbahnen, Dampfschiffe ... Erst, wenn alle und alles vernichtet waren, sollte die erhabene Quing-Dynastie wieder einen großen Aufschwung haben. Dieser Glaube an eine für sie richtige Ideologie befähigte sie zu übermenschlichen Leistungen. Hier, wie auch später in der Kulturrevolution der sechziger Jahre, wurden die Massen allein durch das Gefühl des Hasses mobilisiert.

Über die Gefühle des Menschen erfährt man vor allem durch die Dichtkunst. Leider führte die schwierige chienesische Schrift dazu, daß die Literatur nur Ausdrucksform der Gebildeten war. Die chinesischen Dichter schrieben nicht in der Umgangssprache, sondern in einer Kunstsprache, die den einfachen Menschen unverständlich war. Aber das chinesische Schriftzeichen für „Schrift“ und „Zivilisation“ ist dasselbe.

Die offiziell benutzten Schriftzeichen aus der Zeit der Qin-Dynastie (3. Jahrhundert v. Chr.), blieben bis in unser Jahrhundert erhalten. Die kommunistische Regierung führte in den fünfziger und siebziger Jahren eine Kurzversion für eine große Zahl von Schriftzeichen ein, so daß es heute zwei Versionen gibt: in Taiwan und bei den meisten Überseechinesen werden die traditionellen Langschriftzeichen gebraucht, während in der VR China die Kurzzeichen angewendet werden müssen.

Der Band ist übersichtlich in Sachgebiete gegliedert. Die Anmerkungen zu Transkription und Aussprache sind verständlich. Zahlreiche Abbildungen von Karten erleichtern die geographische Vorstellung. Meike Behrendt