Warum Moskau die Olympia-Teilnahme absagte

Von Dirk Sager

Moskau, im Mai

Manchmal sind die Vorlaufe spannender als das Finale. Der Vorlauf zu den Olympischen Spielen hat am 8. Mai begonnen, als das sowjetische NOK die Teilnahme in Los Angeles absagte. Der Vorlauf endet am 2. Juni. Das ist der letzte Termin, bis zu dem die Entscheidung revidiert werden kann. Doch niemand rechnet damit.

In Moskau ist die Kränkung von 1980 nicht verwunden, auch wenn jetzt beteuert wird, es handele sich nicht um einen Racheakt. Wer erlebt hat, welche Trauer und welchen Zorn damals Regierende wie Regierte erfaßte, als sie sich um den Stolz eines großen Schauspiels gebracht sahen, weil die USA und ein Teil ihrer Verbündeten die Spiele boykottierten, mochte ahnen, daß damals das letzte Wort noch nicht gesprochen war. So verfolgte die Sowjetunion die Vorbereitung der Olympischen Spiele mit Kommentaren, die sich durch vieles auszeichneten, – nur nicht durch Gewogenheit: Mediziner hatten klimatische Bedenken; organisatorische Fragen wurden aufgeworfen, wie wohl die Olympioniken durch Highway-Labyrinthe und Verkehrsstaus ihre Ziele finden sollten.

Dazu kam die sich steigernde Kritik Moskaus an den Amerikanern, die Olympia als Ware behandelten. Daß man die olympische Fackel für Geld mieten kann – manche Moskauer Bürger hielten das zunächst für ein Bild überschäumender Phantasie sowjetischer. Propagandisten. Dieser atheistische Weltanschauungsstaat verlangt von seinen Bürgern, sich den Sinn für die „Heiligkeit“ bestimmter Symbole zu bewahren. Die Olympischen Ringe und ihr Zubehör haben auch diesen Rang bekommen.