Der Rang, den eine Marine ihren Schiffen untereinander zumißt, wobei sich Militärisches, Politisches und Repräsentatives mitsamt dem „standing“ (und den Karriereaussichten) der Kommandanten mischen, wird nicht zuletzt in der Tradition der Namensgebung deutlich. „Ohio“, „Michigan“, „Florida“, „Georgia“ heißen die neuen Unterseeboote der USA. Die Namen von Bundesstaaten, früher den Schlachtschiffen als den stärksten Trägern der Seemacht vorbehalten, dann, seit man Schlachtschiffe nicht mehr baute, einem halben Dutzend moderner Kreuzer, gehen nun also auf die SSBN über; das ist die Kurzbezeichnung für die nur aus Gewohnheit noch als Boote registrierten Unterwasserschiffe mit ballistischen Raketen und Nuklearantrieb. Man entnimmt das so nebenbei diesem Handbuch, das 1900 im ersten Jahrgang erschien und jetzt zum 57. Male den Stand der Marinerüstung dokumentiert, einst ein Ausdruck deutschnationalen Flaggenstolzes war und mittlerweile zweisprachig, worauf der Untertitel „All Navies of the World“ hinweist, als handlichstes aller ähnlichen Daten- und Zahlenwerke international beachtet und genutzt wird:

Gerhard Albrecht (Herausgeber): „Weyers Flottentaschenbuch 1984/85“; Bernard & Graefe Verlag, Koblenz 1983; 734 S., 98,– DM.

Dieser „Weyer“ war anfangs ein Werkzeug für Seeoffiziere, das mit seinen Silhouettenzeichnungen vor allem der Schiffserkennung diente; zugleich aber war er ein Instrument Tirpitzscher Flottenpropaganda. Wie auch späterhin marinebegeisterte Bürgerknaben daraus Schiffsnamen und -nationalitäten, -großen und -bestückungen herbeten konnten, hat übrigens Günter Grass in seiner Novelle „Katz und Maus“ beschrieben. Heute dürften eher Emotionen anderer Art geweckt werden, etwa beim Anblick der 54 Anzeigenseiten, auf denen Firmen des In- und Auslands um Aufspür- und Treffsicherheit, Schußfolgetempo und Power ihrer Erzeugnisse wetteifern.

In der Sache bietet der „Weyer“, gleichgültig aus welchen Gründen man sich mit dem Waffengerassel in der Politik zu befassen hat, einen vollständigen Überblick über alle Marinen und einen präzisen Einblick in ihre technischen Qualitäten. Die Informationen sind absolut wertungsfrei. Meinung taucht nur im einleitenden Aufsatz auf, in dem es diesmal um „Die Lehren aus dem Falkland/Malvinas-Konflikt“ geht.

Eine operative Lehre: Nicht der Verlust von vier Kriegsschiffen, sondern die Versenkung des mit Hubschraubern und Material beladenen Transporters „Atlantic Conveyor“ hat die Briten erheblich behindert und ihre Landung verzögert. Die Essenz: Es war „die größte kombinierte Luft- und Seeauseinandersetzung seit dem Zweiten Weltkrieg, beschränkt nur wegen der geografischen Lage des Kampfgebiets und nicht etwa durch eine Zurückhaltung oder das Gewissen der zwei betroffenen Länder“. Die „Grunderkenntnis“: daß Schwäche zur Aggression einlädt.

In seinen Listen, in der Faktenfülle, die nur mittels eines nicht leicht durchschaubaren Abkürzungssystems bewältigt werden kann, und mit seinen 1582 Schiffs- und Flugzeugskizzen und 747 Fotos ist das Flottentaschenbuch für den Fachmann wie für den interessierten Laien eine Fundgrube. Zum Beispiel: Die amerikanische „Ohio“oder, so nach ihren Raketen benannt, „Trident“-Klasse entspricht mit einem Unterwasserdeplacement von 18 770 tons (zu 1016 Kilogramm) den mit dem Nato-Namen „Typhoon“-Klasse belegten sowjetischen, rund 20 000 tons verdrängenden Unterwasserschiffen, von denen Seemannsgarnhaftes durch die Zeitungen geisterte; und ein genauer und nicht nur an Stückzahlen orientierter Vergleich der Unterwasserflotten beider Großmächte zeigt, daß die Sowjets darin keine Überlegenheit haben.

Über die reaktivierten Schlachtschiffe „New Jersey“ und „Iowa“ ist nichts Neues auffindbar. Ob sie wirklich nur mit jeweils einem der neun schweren Geschütze feuern können, weil eine Salve aus den Drillingstürmen die Elektronik in den Schiffen zerstörerisch erschüttern würde, ist nicht zu erfahren, auch ein Dementi nicht. In diesem wie in jedem Fall hält sich der „Weyer“ frei von Spekulationen. Alexander Rost