Mittwoch: Die zwei Tage auf Hawaii waren wunderschön. Mein Mann und ich erlegten uns die Anti-Jet-Lag-Diät auf. Er meinte, sie hätte ihm im vergangenen November gutgetan, als wir Japan und Korea besuchten. Ich war weniger begeistert, aber er überredete mich, es noch einmal zu versuchen. Ich war selten zuvor so aufgeregt vor einer Reise. Ich möchte so viel wie möglich sehen. Ich weiß jetzt schon, daß dies eines der wertvollsten und faszinierendsten Erlebnisse meines Lebens sein wird.

Donnerstag: Während der Begrüßungszeremonie stand ich neben Frau Li, der Gattin des Ministerpräsidenten. Die 21 Salutschüsse waren sehr beeindruckend. Aber die tanzenden Kinder mit ihren warmen Willkommensgrüßen waren es, die meinen Tag unvergeßlich werden ließen. Frau Li machte einen sehr netten Eindruck. Wir hatten ein exzellentes Nachtessen im Yang-Yuan-Pavillon. Unser Tisch mit dem Cloisonne-Kandelaber war entzückend dekoriert. Es gab neun Gänge. Zum Glück hatte mich Frau Li beim ersten Gang darauf aufmerksam gemacht, und ich hielt mich entsprechend zurück. Während des Essens sprachen Frau Li und ich über die Krise der von einer Hungersnot bedrohten Pandas und meinen bevorstehenden Besuch im Zoo.

Freitag: Es war wärmer geworden, und ich besuchte den Zoo. Hunderte von allerliebsten Kindern winkten mir mit Fähnchen zu (die chinesischen Kinder sind wirklich zu süß). Die Zoo-Angestellten überraschten mich mit dem acht Monate alten Panda-Baby „Zhengzheng“, das sie in einem Kinderwagen herbeirollten. Seine Mutter war eine Woche nach der Geburt gestorben. Der Tierpfleger gab dem Panda eine Flasche mit Milch. Dieser bespritzte mich damit, und eine kleine Aufregung entstand. Aber ich sagte den Umstehenden, daß ich ähnliche Erfahrungen mit meinen Kindern gesammelt hatte.

Das Menü bestand aus einer Folge nordchinesischer Speisen. Das Unterhaltungsprogramm war voller Überraschungen. Die Musiker waren sehr jung. Während des ganzen Essens spielten sie abwechslungsweise je eine chinesische und dann wieder eine amerikanische Melodie. Es hatte ihnen wohl jemand gesagt, daß wir die Titelmelodie aus dem Film „Love Story“ besonders schätzen, und sie intonierten sie mit besonderer Hingabe. Die Tischdekoration war umwerfend. Riesige Gänse aus Zuckerguß und in der Mitte eine kunstvolle Pagode. Die Butter war in majestätische Löwen geformt. Einer starrte unentwegt in meine Richtung. Ich bin sicher, er merkte sich jeden Bissen, den ich mir in den Mund steckte. Ich freue mich schon jetzt auf das Gesicht von Henry Haller, dem Chefkoch des Weißen Hauses, wenn ich ihm davon erzähle.

Samstag: Eine Reise nach China ohne den Besuch der Chinesischen Mauer wäre unvollständig. Als wir, begleitet von einer Motorradeskorte, am Nachmittg dorthin fuhren, fragte ich mich, was die Bauern auf ihren Feldern wohl von dem Aufzug hielten. Die Mauer zu beschreiben ist unmöglich. Ich war buchstäblich sprachlos. Heute abend geben wir eine Gegeneinladung für Premier Zhao in der Halle des Volkes. Es werden 600 Leute erwartet, und es gibt Truthahn. Ich werde das bestickte rote Seidenkleid tragen, das mir Frau Li geschenkt hat.

Montag: Der Flug nach Shanghai gibt mir die Möglichkeit, das Tagebuch abzuschließen. Unsere Reise ist fast zu Ende. Es ging alles so schnell – und so vieles blieb ungesehen.

Aus dem „Reise-Tagebuch der Nancy Reagan“, abgedruckt auch in „Welt am Sonntag“