Von Fritz J. Raddatz

Hoffen wir, daß es bei den Politikern auch so günstig ausgeht: Unsere „Literarische Europawahr hat erwartete, überraschende – und insgesamt für die Literatur erfreuliche Ergebnisse.

Zur Erinnerung: vor neun Wochen, in der ZEIT Nr. 15 vom 6. April 1984, stellten wir unseren Lesern ein Spiel vor, das sich fünf europäische Zeitungen (LIRE, EL PAIS, LA STAMPA, THE TIMES, DIE ZEIT) ausgedacht hatten. In einem damals exakt erläuterten Wahlverfahren sollten einmal nicht die Gurus und Großkritiker, sondern die Leser die zehn bedeutendsten europäischen Schriftsteller (lebende ausgenommen) küren; es sollte eine „Gegenwahl“ sein zur Europawahl in Brüssel am 17. Juni: unser, der Buchnarren, Phantasiespinner und Letternsüchtigen „Parlament“. Milton statt Milchpfennig, Rabelais statt Rosinenzöll – gibt es eine ELG, eine Europäische Literatur-Gemeinschaft?

Die Reaktion war über Erwarten heftig: allein dreitausend Briefe an die ZEIT, wahre Proteststürme bei unseren italienischen Kollegen von LA STAMPA (weil Malaparte nicht vorgeschlagen war; jedes Land bot zehn Autoren der anderen Nationen, keinen des eigenen Sprachraums an). Selbst die Mechanismen von Wahl und Präsentation verriet – wenn man dem Leitartikel des LIRE-Chefs Bernard Pivot glauben darf – nationale Charakteristika: Wir Deutschen werden gelobt, weil wir brav, fleißig, korrekt – kurz: etwas doof waren; die Spanier schlampig, die Italiener wirre, die Engländer eigenbrötlerisch – und die Franzosen? Sie haben „verloren“: Gewinner des seltsamen Langstreckenlaufs sind (die ersten fünf Autoren) England, Deutschland, Spanien und Italien; die deutsche Literatur – mit Goethe und Kafka – gleich zweimal vertreten. Erst dann kommt Proust, dann, nach Thomas Mann, Molière: nur zwei Franzosen von den zehn literarischen Schwergewichtsmeistern vis-à-vis drei Deutschen und drei Engländern.

Waren die Wähler gedopt? Wurde Joyce aus Snobismus, Kafka aus Eleganz, Proust aus Erinnerung, Shakespeare vor jenem Geheimrat, der sich weiland über die „Shakespearomanie“ beklagte, aus Pflicht gewählt? Oder Geben die europäischen Leser vielleicht doch den blutigen Wahn der Lady Macbeth, die Weißdornhecken von Colombray, die Verwandlungen des Käfers, Mr. Blooms obszöne Monologe? Leben sie in, mit dieser Tradition?

Die Spontaneität der Leser-Reaktionen läßt das hoffen, ja: glauben. Die europäische Kultur als das Tradierte, als gemeinsame Tradition: Es scheint dieses Bewußtsein noch zu geben: daß es der „pauvre Voltaire“ war – in unserem Referendum auf Platz 13 verwiesen, vierter Franzose nach Proust, Molière, Balzac – der das „Monster Shakespeare“ den Franzosen vorstellte; daß es Cervantes’ „Don Quixote“ war, den Thomas Mann auf dem Schiff las, das ihn ins amerikanische Exil brachte; daß es Baudelaire war, mit dem die Moderne überhaupt begann – die dann zu Kafka, Joyce und Proust führte.

Zumindest die knapp 3000 Zuschriften – durchgängig im Ton „Ich bin begeisterter Leser, für den die Literatur eine der bedeutenden Leistungen der Menschheit ist“ – zeigen ein erstaunliches Panorama: vor allem der Toleranz, der Vielfalt der Leidenschaft und auch der Kenntnis; kein „Bundesliga“-Fanatismus.