Gerd FaltingsGenie ist für ihn normal

Der Mathematiker auf dem Sprung nach Princeton

Von Roland Kirbach

Sein Händedruck ist weich wie Camembert, die Haltung leicht gebückt, und mit den Armen und Händen scheint er nicht so recht, zu wissen wohin. Der blonde, hoch aufgeschossene junge Mann wirkt unsicher und nervös. Der erste Eindruck, den er vermittelt, paßt so gar nicht zu dem Image, das in den Medien seit einem Jahr von ihm gezeichnet wird: „Genialer Wissenschaftler“, „deutsches Rechengenie“, „Spezialbegabung“ – so und ähnlich lauten die Attribute, mit denen Gerd Faltings bedacht wird.

Ihm selbst scheint der ganze Wirbel um seine Person eher peinlich zu sein. „Für die Öffentlichkeit gibt es halt nur Idioten oder Genies“, meint er abwehrend. So unnormal, wie er ständig dargestellt werde, sei er doch gar nicht. Daß er als Gymnasiast bereits mehrere Klassen übersprungen habe, wie über ihn zu lesen war – das stimme doch überhaupt nicht.

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Doch bei allem Understatement: So ganz normal ist Gerd Faltings nicht. Schließlich geschieht es nicht eben häufig, daß ein Mathematiker die Schlagzeilen der Publikumspresse füllt. Denn längst ist aus der alten Kunst des Rechnens und Messens eine komplexe, abstrakte Wissenschaft geworden, deren Bezug zur Realität sich Laien kaum mehr erschließt.

Da muß einer schon was ganz Spektakuläres vollbringen, um über die einschlägigen Fachzirkel hinaus von sich reden zu machen. Wie Gerd Faltings. Dem 29jährigen Mathematiker gelang es, die „Mordell-Vermutung“ zu beweisen. Als er die „mathematische Entdeckung höchster Bedeutung“ (so die französische Tageszeitung Le Monde) im vergangenen Jahr auf der 24. Mathematischen Arbeitstagung in Bonn vortrug, fand er Anerkennung auch weit außerhalb seiner Disziplin.

Zwar dürfte dem Durchschnittsleser bis dahin der englische Mathematiker Louis Joel Mordell eher unbekannt gewesen sein; genausowenig wird er gewußt haben, daß dieser Mordell anno 1922 eine Vermutung äußerte. Aber wenn man erfährt, daß die mathematische Nachwelt sich in mehr als 60 Jahren vergeblich die Zähne daran ausbiß, jene Vermutung zu beweisen, und daß ebendieser Beweis dem jungen Gerd Faltings jetzt gelang – dann kann auch eine mathematische Null erahnen, um welch sensationelles Ereignis es sich handeln muß.

Ist es deswegen wichtig, nun die „Mordell-Vermutung“ zu kennen? Darum geht es gar nicht mehr. Dieses Jahr füllt Gerd Faltings erneut die Schlagzeilen, die jetzt etwa so lauten: „Ein Tüchtiger geht“ oder „Ausverkauf deutscher Spitzenforschung“. In die – zum Teil wieder abebbende – Diskussion um das Für und Wider von Elite-Universitäten platzt die Nachricht, daß Gerd Faltings an die amerikanische Elite-Universität Princeton berufen wurde; zum Jahresende verläßt er die Bundesrepublik.

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