Von Margrit Gerste

Ein Nachrücker scharrt in den Startlöchern. Der naturgegerbte Holzfäller aus Niederbayern ruft: „Die Bäume! Pseudo-Krupp!“ und fordert endlich eine „Strategiedebatte“, damit die CSU die Grünen nicht überhole. Otto Schily, blaß und durchsichtig zu dieser späten Stunde, drückt die Stirn in die Hand und murmelt: „Katastrophe.“

Es geht um eine Personalie, das häßliche Wort vom „Arbeitsprozeß“ ist gefallen. Joschka Fischer fragt streng wie ein Zuchtmeister: „Was habt ihr zu Hessen formuliert?“ Nichts! Flink wirft das politische Naturtalent ein paar Sätze auf den Tisch, die niemandem wehtun, „mehrheitsfähig“ sind. Dann tritt er ab – „ihr Mütter macht das schon“.

Über Waltraud Schoppes Gesicht fliegt eine kleine Zorneswolke, doch schon lacht sie wieder: „Der Joschka fängt sich noch mal eine.“ Die vermeintlich tragende Rolle im weiblichen Repertoire lehnt Waltraud Schoppe dankend ab. Mutter (von zwei fast erwachsenen Söhnen) ist die 41jährige Studienreferendarin zu Hause im niedersächsischen Dorf Bassum. Sie will nicht still und selbstlos den wilden Garten der grünen Familie glätten und harmonisieren, es möglichst vielen recht machen. Mindestens zweimal schon ist es ihr auf spektakuläre Weise gelungen einzulösen, was sie sich für ihr Bonner Politikerin-Dasein vorgenommen hat: „Mal Sachen zu sagen und zu tun, die hier noch keiner gesagt und getan hat.“

Mit ihrer ersten Rede vor dem Hohen Haus provozierte sie das seltene Ereignis, daß sich graumäusige Parlamentarier zu einem „johlenden, grölenden Männermob“ zusammenfinden (taz). Im Zusammenhang mit ihrer Forderung, den Paragraphen 218 zu streichen, hatte sie gesagt:

„Wir bewegen uns in einer Gesellschaft, die Lebensverhältnisse normiert, auf Einheitsmoden, Einheitswohnungen, Einheitsmeinungen und eine Einheitsmoral, was dazu geführt hat, daß sich Menschen abends hinlegen und vor dem Einschlafen eine Einheitsübung vollführen, wobei der Mann meist eine fahrlässige Penetration durchführt. Fahrlässig, weil die meisten Männer keine Maßnahmen zu Schwangerschaftsverhütung ergreifen. Sie sind gleichwertig an der Entstehung einer Schwangerschaft beteiligt, dennoch entziehen sie sich der Verantwortung, mit Strafe bedroht sind bei einem Abbruch die Frauen. Erst später greifen die Männer als Hüter der Moral wieder ein, indem sie Strafgesetze machen... Eine wirkliche Wende wäre es, wenn hier oben zum Beispiel ein Kanzler stehen und die Menschen darauf hinweisen würde, daß es Formen des Liebesspiels gibt, die lustvoll sind und die Möglichkeit einer Schwangerschaft ausschließen... Wir fordern Sie alle auf, den alltäglichen Sexismus hier im Bundestag einzustellen.“

Für Schlagzeilen und Spitzenmeldungen in allen Medien sorgten Waltraud Schoppe und fünf grüne Frauen Mitte April, als es ihnen gelang, sämtliche Führungspositionen in der Bonner Fraktion zu übernehmen. Die war heillos zerstritten über Linienkämpfe und ihre Stars Schily, Fischer, Kelly. Vorausgedacht hatten nur die Frauen für diese ausweglose Situation, und nur sie konnten eine Alternative präsentieren – sich selber.

Nun lautet die Devise, mit der Waltraud Schoppe täglich zwischen acht und neun Uhr morgens ihr wohlgeordnetes Büro betritt, um es nachts zwischen zehn und zwei zu verlassen, nicht: alle Macht den Frauen, Kampf auch noch dem letzten Mann. Im Gegenteil: Den intellektuellen und politischen Fähigkeiten eines Joschka Fischer oder Otto Schily bezeugt sie Hochachtung, doch auf ihre angenehm ruhige Art fügt sie glaubwürdig hinzu: „Der Otto ist ein Patriarch.“

Grüne, alternative Politik ist für Waltraud Schoppe immer auch feministische Politik, „die sich nur vordergründig gegen die Männer richtet. In Wahrheit richtet sie sich gegen ein Gesellschaftssystem, das durch Männerherrschaft geprägt ist.“ Und die war eben bislang nicht gerade segensreich, was das Thema Frieden oder Umwelt betrifft – um nur zwei Bereiche zu benennen.

Die Frau mit den schönen rotblonden Haaren und dem heiter-listigen Mienenspiel entspricht so gar nicht dem Klischee von einer kämpferischen Feministin: kein Schaum vorm Mund, keine Verkniffenheit in den Augen, keine Stimme, die sich in eiferndem Wortschwall überschlägt. Sie kann zuhören und nachdenken, bevor sie redet, und wenn sie etwas sagt, verleitet das zum Hinhören. Joschka Fischer bescheinigte ihr freundlicherweise, daß sie „ihren Emanzipationsprozeß abgeschlossen“ habe. Er, der mit Vehemenz gegen das grüne Feminat polemisierte, hätte sie auf jeden Fall gern im neuen Vorstand gehabt.

Ihr „Emanzipationsprozeß“ begann spät. Eine „typische Frauensozialisation“ nennt sie ihren Lebenslauf: Zunächst immer für andere gesorgt, erst für die Eltern, dann für den Chef im Büro, später für den Mann, die Kinder. Sieben Jahre war sie Hausfrau, nach der Trennung von ihrem Mann hat sie ein paar Jahre allein gelebt und sich irgendwann gefragt: Was will ich, was ist möglich? Es könnte ja sein, du bleibst allein.

Über den Kinderladen, den sie eher zufällig für den jüngeren Sohn ausgesucht hatte, kam sie das erste Mal mit Politik aus persönlicher Betroffenheit in Berührung, als es darum ging, den Kinderladen gegen den Bremer Senat zu verteidigen. Nach einer Begabtenprüfung holte sie Abitur und Studium nach, engagierte sich in der Hochschulpolitik, dann in Bremer Bürgerinitiativen gegen Atomkraft; traf mit Frauengruppen zusammen; wollte schließlich „Politik machen, aber nicht nur mit Studierten“. Auf eine Anzeige im Lokalblatt hin half sie mit, den grünen Kreisverband Diepholz zu gründen. Der kämpfte um die letzten Hochmoore, gegen Torfabbau und Flurbereinigung. Zunächst waren es 40, später über 100 Mitglieder, die Hälfte davon Frauen – „und irgendwann merkten wir: Die Männer schreiben die Flugblätter, die Frauen verteilen sie.“ Nun forderten sie: Wir wollen eine Frau in den Bundestag schicken. Sie hatten Erfolg.

Das erste Lehrjahr im Bonner Parlament ist nicht spurlos an Waltraud Schoppe vorbeigezogen. „Ich war eine militante Vertreterin der Rotation“, sagt sie; heute ist sie ebenso entschieden gegen den Abgeordnetentausch nach zwei Jahren, weil die politische Arbeit auch personelle Kontinuität braucht. Und Prominenz: „Politik wird nun mal auch über Persönlichkeiten transportiert. Ich bin zwar ebenfalls gegen Hierarchien, aber nicht gegen herausgehobene Repräsentanten. Wenn wir das verhindern, werden wir unauffällig.“

Ihr Pragmatismus geht noch weiter und wird so manchen verträumten „Basokraten“ erschauern lassen. In einem Interview mit der Hannoverschen Neuen Presse bekannte sie kürzlich freimütig: „Es geht gar nicht anders, als durch kleine Schritte Politik zu machen.“ Grüne Politik könne nicht „ungebrochen ins Parlament hineingetragen werden“.

Heute weiß sie: „Wenn man in der Fundamentalopposition bleiben will, hat man es im Parlament schwer. Wer drin sitzt, lernt das.“

Doch die große Streitfrage, welche Rolle die Grünen in Bonn spielen wollen, ist noch längst nicht entschieden, das Verhältnis zur SPD nicht geklärt. Da ist das Feminat so gespalten wie die Fraktion. Waltraud Schoppe gehört eher zu den „Realpolitikern“, die die Grünen auf Dauer nicht bloß als „Stachel im Fleisch, als kleine radikale Minderheit“ sehen wollen. „Wir müssen auch Machtpositionen annehmen.“ Aber da herrsche noch viel „Schwellenangst“. „Ich hab die nicht“, sagt sie seelenruhig.