Kopfüber in jede Trend-Welle
Der Kaufeifer der Stockholmer sorgt für ein reiches Angebot jenseits der Touristenzone / Von Lisbeth Borger-Bendegard und Alphons Schauseil
Shopping in Stockholm - das ist für den Touristen, der vor allem nach Souvenirs und Antiquitäten Ausschau hält, natürlich erst einmal die Altstadt, „Gamla Stan". Kein Fremder läuft an dieser Idylle vorbei. Wer dagegen internationales Flair sucht, den Glamour der Weltstadt, das modische Angebot mit dem lokalen „touch", der muß den Einheimischen folgen. Der Stockholmer findet - fast - alles auf zwei Straßen, die in einem rechten Winkel vom Sergelstorg und Stureplan her an einem dritten Platz, dem Norrmalmstorg, zusammenstoßen: auf Hamngatan mit ihren großen Warenhäusern und Geschäftsarkaden und auf Biblioteksgatan mit ihren kleinen, exklusiven Läden. In Stockholm nämlich wird gekauft, gekauft und gekauft. Die weltbekannten hohen Steuern scheinen die Kauflust ebensowenig zu dämpfen wie der schwache Kurs der Schwedenkrone „Als Konsumenten strotzen wir vor Kraft", konstatiert der Verbraucherfachmann Lars Peder Hedberg, „kein Land in Europa nimmt aktuelle Trends schneller auf als Schweden Hedberg nennt die Stockholmer eine Verbraucherelite, beschreibt sie als relativ junge Gruppe, etwa 25 bis 40 Jahre alt, aufgeschlossen, etwas blasiert.
Die Schweden haben eine Vorliebe für das Uniforme. Böse Zungen behaupten, daß immer nur eine Meinung oder Mode den Ton angibt. Mit Todesverachtung und ohne Schwimmweste stürzen sie sich in die Trend Wellen, die rasch aufeinander folgen. Heute Indianer, morgen Cowboy aber nie beides zugleich Ausgangspunkt ist Sergelstorg, leicht zu finden mitten auf dem Stadtplaji: doppelbödiges Zentrum und Monument der schwedischen Gesellschaft. Die hohe Glasskulptur in der Mitte, nachts von innen erleuchtet, gleicht tagsüber mehr einem mahnend erhobenen, schmutzigen Zeigefinger. Unten, auf der schwarzweiß gemusterten Piazza, auf die Rolltreppen, Säulengänge und der U Bahnknotenpunkt „T Centralen" münden, wird Heimgebranntes verhökert und „Knark", Rauschgift aller. Art, gedealt, singen die unermüdliche Maria oder Heilsarmee Trios das Lob Jesu, hungerstreiken Flüchtlinge für ein besseres Regime in der fernen Heimat, tritt mit Pauken und Trompeten die Wachablösung den Marsch zum Schloß an, trommeln nordeuropäische Hindus monoton für den Frieden in der Welt. Um den geht es ein Stück höher im Kulturhaus bei der Konferenz für Vertrauensbildung und Abrüstung hinter der Glasfassade des ehemaligen Reichstags.
Gleich gegenüber recken sich die Scheiben der fünf City Hochhäuser. Rund um den Leuchtfinger und seinen Springbrunnen fließt der Verkehr, kreuzen sich die Blechströme der vier Himmelsrichtungen. Daß hier einmal der „Brunkeberg" lag, schon früher besiedelt als die Altstadtinsel und 1471 Schauplatz des Siegs Sten Stures über die Dänen, ist nicnt mehr zu sehen. Schicht für Schicht wurde der Hügel, der lange Zeit jeden Bebauungsplan für Stockholm zweiteilte, abgetragen und eingeebnet.
Doch heraus aus dem Kreisel und hinein in die Hamngatan bei unserer Shopping Tour. Der Name dieser Straße enthüllt, was der weitere Verlauf des Bummels eher zudeckt: daß es hier einen sicheren Hafen gab, auf den sie zulief, und daß der andere Winkel Schenkel, die Biblioteksgatan, einst ein belebter Kai war und das Winkeleck ein Stapelplatz.
Hamngatan also. Wir beginnen auf der linken Seite bei Hennes & Mauritz, einem trendgerechten Bekleidungshaus, dessen Verkaufsphilosophie schnell herein, schnell heraus - auch schon in England und der Bundesrepublik Furore machte. Jugendhaft, keck, zu erschwinglichen Preisen. Die Shopping Arkade Gallerian gegenüber stieß zunächst auf große Skepsis, lockte mit ihrem Marmorboden aber schnell Skateboard Freaks an. Heute steckt sie voller Leben, mit exotischen Gewächsen als Zier, kontinentalem Gebäck im „Edelweiß" auf der Empore, einem Dutzend verschiedener Lachsgerichte in „Glada Laxen" und einer reichen Einkaufspalette: schwedische Kinderkleidung (Polarn & Pyret), schwedische Damenkleidung und wasche (Twilfit), Modellbaukästen für die Schulschiffe der schwedischen Marine und für alte Ostseeschoner in einem Bastler Laden (Wentzells). Im Souterrain, ganz hinten im Plattengeschäft „Skivakademien", hält ein Laden die internationale Presse feil. Ebenfalls im Tiefparterre, aber am anderen Ende, liegen die Auktionsräume der Stadt Stockholm, wo Kenner preiswert fündig werden können.
Ein Stück weiter die Straße hoch fährt jede Stunde ein Bus kostenlos zum Möbelhaus Ikea vor den Toren der Stadt. Kurze Abstecher lohnen in die nun querende Regeringsgatän zu den schwedischen Modeschöpferinnen Gudrun Sjöden mit ihren urig praktischen Gewändern und zu Gunilla Ponten mit ihren Orgien von Rüschen, Plüsch, Spitzen und Seide.
Der große Magnet von Hamngatan ist NK, sprich Enn Ko, Nordiska Kompanie!, das große Warenhaus Schwedens. Kein KaDeWe oder Bloomingdales, aber noch immer Inbegriff traditioneller schwedischer Eleganz. Fast ein Jahrzehnt lang fristete die gute alte Kompanie ein kümmerliches Dasein. Doch nun ist der Kampf um „jämlikhet", Gleichheit der Bürger, vorbei, man gibt sich wieder ohne schlechtes Gewissen bürgerlich, smart und wohlhabend.
- Datum 22.06.1984 - 08:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.6.1984 Nr. 26
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