Am Werkstor wird es ungemütlich
Eine rechtswidrige Blockade verhinderte den Druck der ZEIT in Neu-Isenburg / Von Hans Schueler
Vor dem Verlagsgebäude der Frankfurter Rundschau in der City hat der Arbeitskampf folkloristische Züge angenommen: Die Streikposten mit dem roten Button am Hemd wirken wie Teilnehmer an einem Straßenfest. Sie haben einen Holzkohlen Grill aufgestellt und braten darauf Würste. Andere verteilen Bier und Coca Cola in Dosen an die Kollegen.
Anders sieht es in Neu Isenburg aus, auf dem Betriebsgelände der Druckerei, in der neben der gen anderen Blättern auch zwei Drittel der ZEITAuflage gedruckt werden. Dort wird blockiert und schon seit einiger Zeit.
Am Montag voriger Woche war morgens eine Gruppe arbeitswilliger Belegschaftsmitglieder von einer dreifach gestaffelten Menschenkette aus Streikposten, die einander mit den Armen untergehakt hatten, am Betreten des Geländes gehindert worden. In der Kette, so heißt es, habe sich auch der stellvertretende Vorsitzende Balder vom Landesbezirk Hessen der Industriegewerkschaft Druck und Papier befunden. Als ein Betriebsleiter an der Spitze der etwa 25 Arbeitswilligen - die meisten davon Angestellte - um Durchlaß bat, bekam er zur Antwort: „Sie ja, sonst niemand". Und dabei sei es geblieben, auch als drei Polizeibeamte vor dem Tor eintrafen - und entsprechend der Weisung der Polizeiführung nichts taten. Am Mittwoch gegen Mittag unternahm die Betriebsleitung erneut einen Versuch, einer Gruppe von Arbeitswilligen - diesmal sind es nur neun Leute - Einlaß durch das Haupttor zu verschaffen. Als die""ötü p>pie von der gegenüberliegenden Straßenseite auf das Tor, zugeht;, haken sich d ie Streikposten söfolrfunfer uhomachen 3eh Zugang dicht. Auch zwei Frauen sind darunter und ein hochgewachsener Mann, der einen Turban trägt. „Unser Inder", sagt der zweite Betriebsleiter. Zu Handgreiflichkeiten kommt es nicht, war es auch in den Tagen zuvor nicht gekommen. Die Wortwechsel bleiben gedämpft. Nach einer halben Stunde ziehen die Arbeitswilligen wieder ab. Einige von ihnen trafen wir zwei Stunden später im Saal des Arbeitsgerichts Offenbach wieder. Wie ernst die Lage in Wirklichkeit ist, ergibt sich aus einer schriftlichen Meldung des technischen Betriebs Sicherheitsdienstes:
„Montag, 18. 6. 84 - Tor I, II, III sowie Hermannstraße 25 waren funktionsfähig. Hermannstraße 31 waren mit Steinen die Laufräder blokkiert - Dienstag, 19 6 84: Tor I, II, III waren die Laufräder mit Steinen, Holzkeilen und Bierdekkelkronen blockiert - Mittwoch, 20 6 84: Tor II und Hermannstraße 25 standen offen und waren funktionsfähig. Tor I, III und Hermannstraße 31 waren die Laufräder mit Steinen und Bierdeckelkronen blockiert. Durch wiederholtes Betätigen (Auf und Zu) gingen die Motoren in Überlast und schalteten ab (An der) Eingangstür Hermannstraße 31 ist das Zylinderscbkm mit Streichhölzern und Plastikmasse zugestopft "
die das Druckhaus in Neu Isenburg betreibt, hatte tags zuvor vom Arbeitsgericht in Offenbach eine einstweilige Verfügung verlangt, mit der nicht zuletzt die Herstellung von 320 000 Z£T Exemplaren, wenngleich verspätet, so doch irgendwann in der vergangenen Woche ermöglicht werden sollte. Für die ZEIT ergab sich eine besondere Erschwernis daraus, daß sie als Doppel Produkt sowohl am Kiosk erscheint wie auch den Abonnenten zugestellt werden muß: bestehend aus Schwarz Weiß und Z£7Tmagazin. Das Magazin wird in Itzehoe bei G<fJ hergestellt. Ein Sattel scnlepper bringt "jede "Woche die für den Süden der Bundesrepublik bestimmten Exemplare nach Neu Isenburg, wo sie dem dort gedruckten Schwärz Weiß Blatt beigelegt werden.
Der Sattelschlepper erreichte zunächst sein Ziel ebensowenig wie die arbeitswilligen Drucker ihren Arbeitsplatz.
Über den Antrag auf Erlaß einer einstweiligen Verfügung wurde am Mittwoch von nachmittags 15 Uhr bis in den späten Abend vor der 4, Kammer des Arbeitsgerichts Offenbach verhandelt. Weshalb die Verhandlung erst am Nachmittag begann und deshalb zwangsläufig unter den zweifachen Zeitdruck der einbrechenden Nacht - wo für gerichtliche Protokollführer dann die ArbeitszeitOrdnung in Kraft tritt - und des bevorstehenden Fronleichnamfeienags geriet, läßt sich vorerst nicht klären. Doch wurde in dem winzigen Saal des Arbeitsgerichts, in dem sich die Menschenleiber in der Hitze drängten wie Sardinen in einer Büchse, die Aussichtslosigkeit jeglichen Versuchs deutlich, unter engagierten Arbeitskämpfern Frieden zu stiften oder auch nur ein Urteil zu finden, das der Friedensstiftung nahekäme.
- Datum 29.06.1984 - 08:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 29.6.1984 Nr. 27
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