Brücken in Budapest
Der alte Mann und das Heer der Journalisten stehen einander schon:seit fünf Minuten gegenüber.
In der Westminster Imitation des Budapester Parlaments, der einstigen Stätte hochfliegender Residenzträume gegen Wien, erscheint der graugewandete Gastgeber, mit dem auffällig breiten Kreuz wie ein bekümmerter Glöckner, der längst erfahren hat, daß keine großen Zeiten einzuläuten sind. Die 28 Amtsjahre, in denen der heute 72jährige Jänos Kädär mit (bisher) vier Kremlführern zu handeln hatte, haben den sichtbar gealterten Parteichef nicht gebeugt, aber gezeichnet.
Die Hände auf dem Rücken, während er ohne jeden selbstdarstelleriscten Eifer auf Helmut Kohl wartet, zieht er hin und wieder die Schultern hoch: Nichts an dem bescheiden populären Kommunistenführer ist den Ungarn vertrauter als diese von dem Kabarettisten Geza Hofy seit bald zwanzig Jahren parodierte Bewegung. Sie steht für den diskreten Charme der Melancholie all jener irgendwie florierenden Habheiten zwischen k u k.
Vergangenheit und kommunistischkleinkapitalistischer Gegenwart.
Einen Kopf größer, einen Schritt zu geschäftig, einen Handschlag zu selbstgefällig jovial wirkt der Bonner Kanzler, als er dem publicityscheuen Kädär gegenübertritt. Helmut Kohl hat freilich Anlaß, sich im leicht gelbstichigen Licht der neoklassizistischen Bleiglasfenster zu sonnen. Gemessen an der Bonner Koalitions Misere, am europäischen Krisen Gipfel und an der anhaltenden Ost West Verhärtung erscheint sein Abstecher an die Donau wie eine beiderseits wohltuende Entspannung - und auch wie ein Kontrastprogramm zu Mitterrands Besuch in Moskau.
Vor einem Jahr saß Kohl zum ersten Mal als Regierungschef den Sowjetführern unter den Kremltürmen gegenüber. Diesmal, während seiner ersten Kanzler Visite bei einem Parteichef der sowjetischen Einflußsphäre, hatte der Bonner Gast den Kölner Dom, Notre Dame, Reims, Westminster Abbey und den Wiener Stephansdom vor Augen, als er mit Kädär im „Belfrader Saal" sprach. Als Symbol er abendländischen Orientierung Ungarns zieren die Kathedralen ein Wandgemälde, das den letzten Sieg der Magyaren über die türkischen Eroberer Mitte des 15. Jahrhunderts darstellt und die lateinische Unterschrift trägt: „Ungarn ist das Bollwerk der Christenheit in Europa".
An Europa hielten die Ungarn auch während dieses Besuches demonstrativ fest - trotz der sowjetischen Abschottungskampagne der letzten Monate. Für sie war die Europäische Gemeinschaft das wichtigste Thema. Das verstärkte Interesse Budapests ließ die Bonner Delegation den Eindruck gewinnen, daß sich die Ungarn beim Moskauer RGW Gipfel trotz der verschärften Ost West Spannune mit dem Verlangen durchgesetzt naben, ihre zuletzt stockenden Verhandlungen mit der EG voranzutreiben.
- Datum 29.06.1984 - 08:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 29.6.1984 Nr. 27
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