Vor fünfzig Jahren 30. Juni 1934 Der ermordete Ghostwriter

In Opposition zu Hitler: der deutsche Konservatismus Von Wolfgang Bergsdorf

Dieser Ton öffentlicher Regierungskritik war lange Zeit nicht mehr gehört worden:

„Die Regierung ist wohlunterrichtet über all das, was an Eigennutz, Charakterlosigkeit, Unwahrhaftigkeit, Unritterlichkeit und Anmaßung sich unter dem Deckmantel der deutschen Revolution ausbreiten möchte. Sie täuscht sich auch nicht darüber hinweg, daß der reiche Schatz an Vertrauen, den ihr das deutsche Volk schenkte, bedroht ist. Wenn man Volksnähe und Volksverbundenheit will, so darf man die Klugheit des Volkes nicht unterschätzen, muß sein Vertrauen erwidern und es nicht unausgesetzt bevormunden wollen. Das deutsche Volk weiß, daß seine Lage eine ernste ist, es spürt die Wirtschaftsnot, es erkennt genau die Mängel mancher aus der Not geborenen Gesetze, es hat ein feines Gefühl für Gewalt und Unrecht, es lächelt über plumpe Versuche, es durch eine falche Schönfärberei zu täuschen. Keine Organisation und keine noch so laute Propaganda wird auf die Dauer allein imstande sein, das Vertrauen zu erhalten "

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Anderthalb Jahre nach der Machtübernahme Hitlers wurde diese unüberhörbare Kritik von Vizekanzler Franz von Papen in jene brodelnden, von gewalttätigen Übergriffen der „nationalen Revolution" beherrschten Junitage des Jahres 1934 in öffentlicher und vom Frankfurter Sender Übertraggenen Rede heineirigesprochen. Hitler tobte. Was den wohl überraschten Zuhörern des Marburger Uaiversitätsbundes vielleicht entging, blieb der stets gegenwärtigen Gestapo nicht verborgen: geistiger Vater dieser unzweideutigen, ja bewußt provozierenden Kritik an Hitlers. Regime kam nicht der stets um Anpassung bemühte von Papen selbst, sondern nur dessen intellektueller Mitarbeiter in Betracht.

Der Puplizist Edgar J. Jung, eben vierzigjährig, hatte sich erst nach der sogenannten Machtergreifung des Januar 1933 Franz von Papen zur Verfügung gestellt. Er hoffte, ihn als sein Sprachrohr benutzen zu köiinen, um so der totalitären Gefahr der Hitler Bewegung doch noch Einhalt zu gebieten. Er blieb untätig, als Himmler seinen Ghostwriter Jung durch die Gestapo ergreifen und ihn keine zwei Wochen danach, im Schatten der berüchtigten Gewaltaktionen am 3o. Juni 1934 und den ersten Juli Tagen, skrupellos ermorden ließ. Auch dies ließ von Papen geschehen, ohne seine Stimme zu erheben.

In diesen Wochen jähren sich zum fünfzigsten Mal diese Ansätze des deutschen Konservativismus, Hitlers immer mehr sich offenbarendem Totalitätsanspruch entgegenzutreten. Durch die blutige, das In- und Ausland erregende Generalabrechnung Hitlers mit seinen Gegner innerhalb und außerhalb seiner „Bewegung", durch Goebbels" propagandistische Verdrehung dieser ungeheuerlichen Vorgänge, wie sie im irreführenden Sprachgebrauch vom „Röhm Putsch" noch bis in die Gegenwart nachwirkt, sind Haltung, Schicksal und politische Perspektive des Konservativismus unangemessen in den Hintergrund gedrängt worden.

Edmund Forschbach kommt das Verdienst zu, diese vernachlässigte Bedeutung des 30. Juni 1934 am Beispiel Edgar J. Jungs wieder aus dem drohenden Vergessen geholt zu haben. Forschbach, um die Mitte der fünfziger Jahre Chel des Presseund Informationsamtes der Bundesregierung, war in den zwanziger Jahren der jungkonservativen Bewegung verbunden. Mit Jung war er seit 1928 bekannt und befreundet. In den Krisenjahren der Republik saß er im Reichsvorstand der Deutschnationalen, ohne Hugenberg kritiklos zu verfallen, und 1933 wurde er Abgeordneter im Preußischen Landtag sowie im Reichstag. So ist erklärlich, daß seine soeben erschienene Skizze erlebter Geschichte bei aller Reflektion und überlegter Selbstkritik noch die erregende Atmosphäre jener aufwühlenden Jahre erspüren läßt. Bestechend ist die Noblesse, mit der der Autor seinem Helden Jung ein Denkmal setzt, gerade wenn er mit autobiographischer Apologetik ringt, die in einer biographischen Skizze eines Freundes unausweichlich ist. Eindringlich beschreibt Forschbach in seinem „Fragment", wie sehr die Generation Jungs - er war Jahrgang 1894 - vom Erlebnis des Ersten Weltkriegs und vom „Frontsoldatentum" geprägt war. Ihr mußte es unfaßbar erscheinen, daß nach Jahren des höchsten Einsatzes der Krieg überhaupt verloren gehen konnte. So erklärt Forschbach, daß Jung zu der aus der Niederlage entsprungenen Republik von Weimar in einen spannungsreichen Gegensatz geriet. Der Titel seines 1927 erschienenen Hauptwerkes - „Die Herrschaft der Minderwertigen" verstellt aber eher den Blick auf seine Vorstellungen von einer „konservativen Revolution". Wohl kritisierte er im Sinne des epochemachenden Werkes Ortega y Gassets vom „Aufstand der Massen" den ohne Ziel lebenden und im Winde treibenden Massenmenschen seiner Zeit. Doch war seine politische Einstellung keineswegs grundsätzlich anti demokratisch oder gar anti liberal. Sie gründete vielmehr in der Persönlichkeitskultur des Abendlandes, wobei er die Gerechtigkeit zur Grundlage seines Freiheitsbehriffs machte. Dabei kam er der christlichen Staatslehre, namentlich dem Gedanken der Subsidiarität, sehr nahe.

Aus der Sicht seines christlichen Verständnisses personaler Freiheit und Würde mußte Jung die Rassenlehre der Nationalsozialisten und die ihr notwendigerweise innewohnende Tendenz zur totalitären Überwältigung des einzelnen und der Familie als die alles überragende Gefahr erscheinen. Ganz im Gegensatz zu vielen seiner konservativen Parteigängern hat Jung darum frühzeitig vor dem Nationalsozialismus und der Faszininationskraft Hitlers eindringlich gewarnt. Seine politischen Hoffnungen setzte er vor allem auf die Regierung des „Frontsoldaten" Brüning, mit dessen Minister Treviranus er die „Volkskonservative Vereinigung" gründete.

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