Die Einsamkeit des Forschers

Das Nichtvorhersehbare zu suchen, gehört zum Wesen der Forschung Von Reimar Lust

Vor 38 Jahren, Ende März 1946, betrat ich, nachdem ich am Tag zuvor aus dreijähriger amerikanischer Kriegsgefangenschaft entlassen worden war - zum ersten Mal eine deutsche Universität, und zwar als Studienbewerber die Universität Göttingen. Ich wurde zwar nicht zugelassen, weil die Emschreibefrist abgelaufen und die Universität voll war, aber immerhin gab man mir Gelegenheit zum Gespräch mit dem damaligen Dekan, dem großen Physiko Chemiker Arnold Eucken.

Am nächsten Tag versuchte ich mein Glück bei der Universität Marburg. Dort hatte ich zwar auch keinen Erfolg, aber immerhin die Gelegenheit zu einem Gespräch mit dem alten Geheimrat Grüneisen.

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Am dritten Tag an der Universität Frankfurt bekam ich schließlich meine Zulassung, nachdem sich wiederum der dortige Dekan, Professor Erwin Madelung, in persönlicher Weise des hilfesuchenden Studienbewerbers - und ich war ja nur einer von Tausenden, die aus der Gefangenschaft zurückkehrten und studieren wollten - angenommen hatte. Er sorgte später auch dafür, daß ich entgegen der bestehenden Diplom Prüfungsordnung - schon nach zweieinhalb Jahren, das heißt nach fünf Semestern, mit einem Diplom Zeugnis die Universität Frankfurt verlassen konnte, um in Göttingen als Doktorand mein wissenschaftliches Studium fortzusetzen.

Wie sieht es heute aus? Ein Studienbewerber hat einen umfangreichen Fragebogen an die Zulassungsstelle in Dortmuna zu senden, und der Computer entscheidet, an welcher Universität er studieren darf. Ich weiß nicht, wieviel Semester es dauert, bis ein Student zum ersten Mal die Chance zu einem ausführlichen Gespräch mit einem Professor hat, aber sicher ist, daß er frühestens nach dem 10 oder 11. Semester sein Diplom Zeugnis bekommt, mag er auch noch so gut sein. Auch ein Wechsel an eine andere Universität während des Studiums, beispielsweise nach dem Diplom, ist schwieriger geworden und kaum mehr üblich. Dennoch: Damals wie heute beginnt die Wissenschaftsförderung mit der Förderung des einzelnen Studenten. In unserer Zeit der Massenuniversität scheint dies schwerzufallen, aber man sollte vielleicht daran erinnern, daß auch nach dem Krieg die Hörsäle überfüllt waren.

, ,, : (1984) Wisselschäftlicle Fouiig sist ;ein Ji>rozeß, in ständiger Konkurrenz einzelner Forscher und Fofschergjruppen über alle Ländergrenzen hinweg vorangetrieben wird. Jedes Land, das an dem Prozeß wissenschaftlichen Fortschritts durch eigene Beiträge beteiligt sein will, braucht Bedingungen, unter denen sich Wissenschaftler so entfalten können, daß sie mit ihren Arbeiten im internationalen Wettbewerb bestehen.

Wie auf allen Gebieten, in denen es um Spitzenleistungen geht, müssen aber auch im Bereich der Wissenschaft und der Forschung die Bedingungen so beschaffen sein, daß Spitzenleistungen begünstigt und gefördert werden. Das verlangt immer auch eine gezielte Auslese und Förderung derer, von denen diese Leistungen erwartet werden können.

Während dieses Prinzip zum Beispiel in der Kunst und in der Musik, aber auch im Sport ganz unumstritten ist, war es im Erziehungs- und Bildungswesen zeitweilig geradezu verpönt, davon zu reden, geschweige denn, di& dafür notwendigen Strukturen zu schaffen ;Zum Teil hing dies mit den Reformdiskussionen der 60er und 70er Jahre zusammen. Zum Teil herrschen aber auch falsche Vorstellungen über die Arbeitsweise in der Forschung, zumal in sehr großen Fprschungseinrichtungen und Instituten. Häufig wird verkannt, daß die Arbeit im Teani zwar notwendig ist, daß es aber nach wie vor der einzelne Forscher ist, auf dessen Kreativität und Leistungsfähigkeit es ankommt. Im Vergleich dazu ist es im Sport eine Selbstverständlichkeit, daß man einzelne nerausragende Talente zu Spitzensportlern ausbildet, und zwar anders und intensiver, als dies mit den Mitteln des Massensports möglich ist.

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