Anfang der Woche hat in München die Internationale Umweltkonferenz begonnen. Hamburg lieferte brisanten Gesprächs-Stoff: Ein Chemie-Werk muß schließen, weil bei seiner Produktion Dioxin anfiel.

„Spät kommt Ihr – doch Ihr kommt! Der weite Weg, Gräf Isolan, entschuldigt Euer Säumen.“ Friedrich Schiller, Die Piccolomini

Es war in der Tat ein weiter Weg, den der Senat der Freien und Hansestadt Hamburg zurücklegen mußte, um in der vorigen Woche das Chemiewerk von C.H. Boehringer Sohn Ingelheim in Hamburg-Moorfleet stillzulegen. Seit dreißig Jahren hatte der Betrieb immer wieder für Schlagzeilen gesorgt, seit fünfzehn Jahren nahm das ehedem gute Verhältnis zwischen Firma und Behörden zunehmend Schaden, und vor fünf Jahren versuchte der Senat zum ersten Mal, das Unternehmen wegen seiner Umwelt-Skandale zu schließen. Hans-Ulrich Klose, im Jahre 1979 Erster Bürgermeister, war dazu entschlossen. „Es war fünf Minuten vor zwölf“, bekannte er in diesem Juni vor einem Untersuchungsausschuß, „aber die rechtlichen Möglichkeiten reichten nicht aus.“

Jetzt scheinen sie zu reichen. Umweltsenator Wolfgang Curilla schickte der Firma am 6. Juni einen sofort zu vollziehenden Bescheid ins Haus. Bis zum 18. Juni mußte Boehringer so strenge Auflagen erfüllen, daß der Konzern resignierte und die Produktion einstellte – vorerst wenigstens. Zum ersten Mal wurde eine große Firma aus Gründen des Umweltschutzes geschlossen – vierzehn Jahre nach Beginn einer Umweltschutz-Gesetzgebung, die von ihren Schöpfern als vorbildlich angepriesen wird, die freilich einem großen Hofhund gleicht, der laut bellt, aber mangels Zähnen nicht beißen kann.

Denn ohne eine Reihe von Zufällen würde Boehringer noch? heute produzierend Zufall war es, daß seit dem Ungelück von Seveso im Juli 1976 „Dioxin“ als Supergift gefürchtet ist. Zufall war es, daß die Suche nach 41 verschwundenen Fässern mit Seveso-Abfällen im vergangenen Jahr die westeuropäische Öffentlichkeit – und die Regierungen – beunruhigte. Zufall war es, daß die Firma entweder nicht rechtzeitig entdeckte oder verschwieg, daß bei ihrer Produktion weiterhin Dioxin anfiel (korrekt: 2,3,7,8-Tetrachlordibenzo-para-dioxin, abgekürzt: TCDD). Zufall vielleicht auch, daß die oppositionelle Grün-Alternative Liste (GAL) keine Ruhe gab und die regierende SPD zum Handeln zwang – eine SPD, die über Jahre nichts mehr zu fürchten schien als den Vorwurf der Industrie-Feindlichkeit.

Kein Zufall jedoch, daß dieses erste Exempel an der Firma Boehringer Ingelheim, Werk Hamburg, statuiert wurde. Dank des hartnäckigen Bohrens der GALier ist die Wahrheit stückchenweise ans Tageslicht gekommen, und diese Wahrheit sieht für beide Hauptbeteiligten unerfreulich aus: Das Werk hat immer nur zugegeben und getan, wozu es gezwungen wurde. Oder in den vorsichtigen Worten des Hamburger Senators Kuhbier: „Ich glaube nicht, daß die Firma Boehringer ein Beispiel für die von der Wirtschaft immer wieder angebotene Kooperation im Umweltschutz ist. Die Firma Boehringer hat in erster Linie immer die betriebswirtschaftliche Betrachtungsweise verfolgt. Die volkswirtschaftlichen Kosten, die ihr Betrieb verursacht hat, waren ihr schnuppe.“ Die Behörden stehen freilich nicht viel besser da: Mit unverständlichem Langmut haben sie die Hinhalte- und Verzögerungs-Taktik des Werkes hingenommen, nachgegeben oder kritische Erkenntnisse zurückgehalten. Insoweit trifft der bissige Kommentar des Werksleiters Werner Krum sogar zu, Boehringer sei der erste Erfolg der GAL.

„Deutliches Schweigen“