Anfang der Woche hat in München die Internationale Umweltkonferenz begonnen. Hamburg lieferte brisanten Gesprächs-Stoff: Ein Chemie-Werk muß schließen, weil bei seiner Produktion Dioxin anfiel. Ein Exempel an der Elbe

Der Hamburger Senat und ein Giftsünder - Boehringer-Werk Moorfleet, eine Fallstudie Recherchiert und geschrieben von Horst Bieber, Wolfgang Gehrmann, Günter Haaf und Matthias Naß

Enat der Freien und Hansestadt Hamburg zurücklegen mußte, um in der vorigen Woche das Chemiewerk von C H. Boehringer Sohn Ingelheim in Hamburg Moorfleet stillzulegen. Seit dreißig Jahren hatte der Betrieb immer wieder für Schlagzeilen gesorgt, seit fünfzehn Jahren nahm das ehedem gute Verhältnis zwischen Firma und Behörden zunehmend Schaden, und vor fünf Jahren versuchte der Senat zum ersten Mal, das Unternehmen wegen seiner Umwelt Skandale zu schließen. Hans Ulrich Klose, im Jahre 1979 Erster Bürgermeister, war dazu entschlossen „Es war fünf Minuten vor zwölf", bekannte er in diesem Juni vor einem Untersuchungsausschuß, „aber die rechtlichen Möglichkeiten reichten nichr aus "

Jetzt scheinen sie zu reichen. Umweltsenator Wolfgane Curilla schickte der Firma am 6. Juni einen sofort zu vollziehenden Bescheid ins Haus. Bis zum 18. Juni mußte Boehringer so strenge Auflagen erfüllen s daß der Konzern resignierte und die Produktion einstellte - vorerst wenigstens. Zum ersten Mal wurde eine große Firma aus Gründen des Umweltschutzes geschlossen - vierzehn Jahre nach Beginn einer Umweltschutz Gesetzgebung, die von ihren Schöpfern als vorbildlich angepriesen wird, die freilich einem großen Hofhund gleicht, der laut bellt, aber mangels Zähnen nicht beißen kann.

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Denn ohne eilte" Reihe von Zufallen würde Boehringer noch? heute pfodüziejehZufott war es, d seit ilem ÜiigelücK von Seveso im Juli 196 „Dioxin? als Supergift gefürchtet ist. Zufall war es, daßdie Suche nach 41 verschwundenen Fässern mit SevesosÄbfallen im vergangenen Jahr die westeuropäische Öffentlichkeit; - und die Regierungen - beunruhigte. Zufall war es, daß die Firma entweder nicht rechtzeitig entdeckte oder verschwieg, daß bei ihrer Produktion weiterhin Dioxin anfiel (korrekt:2378 Tetrachlordibenzo pa i ra dioxin, abgekürzt: TCDD). Zufall vielleicht auch, daß die oppositionelle Grün Alternative Liste (GAL) keine Ruhe gab und die regierende SPD zum Handeln zwang - eine SPD, die über Jahre nichts mehr zu fürchten schien als den Vorwurf der Industrie Feindlichkeit.

Kein Zufall jedoch, daß dieses erste Exempel an der Firma Boehringer Ingelheim, Werk Hamburg, , statuiert wurde. Dank des hartnäckigen Bohrens der GALier ist die Wahrheit stückchenweise ans Tageslicht gekommen, und diese Wahrheit sieht für beide Hauptbeteiligten unerfreulich aus: Das Werk hat immer nur zugegeben und getan, wozu es gezwungen wurde. Oder in den vorsichtigen Worten des Hamburger Senators Kuhbier: „Ich glaube nicht, daß die Firma Boehringer ein Beispiel für die von der Wirtschaft immer wieder angebotene Kooperation im Umweltschutz ist. Die Firma Boehringer hat in erster Linie immer die betriebswirtschaftliche Betrachtungsweise verfolgt. Die volkswirtschaftlichen Kosten, die ihr Betrieb verursacht hat, waren ihr schnuppe Die Behörden stehen freilich nicht viel besser da: Mit unverständlichem Langmut haben sie die Hinhalte- und Verzögerungs Taktik des Werkes hingenommen, nachgegeben oder kritische Erkenntnisse zurückgehalten. Insoweit trifft der bissige Kommentar des Werksleiters Werner Krum sogar zu, Boehringer sei der erste Erfolg der GAL.

Stimmt also, was ein Sprecher des Verbandes der chemischen Industrie behauptete: „Eine Signal Wirkung auf die Gesamt Industrie läßt sich nicht ausschließen" ? Muß Hamburg überdies fürchten, seinen Ruf als wirtschaftsfreundliche Stadt zu verlieren ? Prominente SPD Politiker haben eben dies ihrer Partei schon vorgeworfen. Umweltsenator Curilla wehrt sich: Was die Reaktionen, der, Wirtschaft betreffe, könne er nur ein „deutliches Schweigen" konstatieren. Seine Behörde sei „berechenbar", auch und gerade dann, wenn sie, streng nach Gesetzt Auflagen mache. Und nichts belege das deutlicher als die Tatsache, daß die Hamburger Industrie 1983 fast eine halbe Milliarde in den Umweltschutz investiert habe. Solche Hinweise deuten an, was über den aktuellen Fall Boehringer hinaus nun diskutiert werden muß: Taugt das auf den drei Pfeilern VerursacherPrinzip, Kooperation (zwischen Behörden und Industrie) und Vorsorge (gegen künftige Umweltbelastungen) errichtete System des Umweltschutzes? Wo liegen die Grenzen zwischen Ökologie und Ökonomie? Ist die heutige Praxis, Schadwirkungen industrieller Produktion (vorsorglich) zu vermeiden, wirklich ausreichend? Wo liegt - und wer definiert - das Restrisiko, das eine Industrie Gesellschaft für ihre Bürger tolerieren muß?

Boehringer Hamburg spielt da nur die Rolle des Auslösers. Seit 1923 produziert das Werk in einem südlichen Stadtteil an der Elbe. Nach dem Krieg nahm es die Herstellung von Trichlorphenol auf, bei der als gefährliche Verunreinigung TCDD entsteht. Dieses hochgiftige Dioxin erzeugt unter anderem eine Hautkrankheit, für die sich der Name „Chlorakne" eingebürgert hat. Neu war diese Krankheit nicht, zum ersten Mal wurde sie Ende des vorigen Jahrhunderts beschrieben, aber der „Erreger" blieb lange Zeit unbekannt. Fest stand nur, daß sie die Chemiearbeiter befiel, wenn Chlor mit Kohlenwasserstoffen chemisch verbunden wurde. Aber welche der vielen denkbaren Verbindungen „Chlorakne" auslöste, wurde erst Mitte der fünfziger Jahre festgestellt: TCDD. Zu dieser Entdeckung trug Boehringer unfreiwillig bei: Dort waren 1954 Arbeiter an diesem Ausschlag erkrankt, der indes nur als sekundäres Merkmal die innere Vergiftung anzeigt , Aufgrund neuer Erkenntnisse baute Boehringer damals die alte Anlage ab und stellte auf ein neues Verfahren um, bei dem weniger TCDD anfiel, aßer immer noch so viel, daß die Frage, wohin denn die dioxinhaltigen Abfälle gelangt seien, die Umweltschützer seit Mitte der siebziger Jahre beschäftigte - ausgelöst durch den Seveso Unfall von 1976. Zu der Zeit hatte die Firma ihren schlechten Ruf schon weg, weil Messungen im Umland ergeben hatten, daß sie gefährliche Chemikalien über Abluft und Abwasser in die Umwelt abgegeben hatte.

Ende April 1983 zog der Bundesrat die Konsequenzen aus dem Skandal der 41 Fässer mit Seveso Abfall und verbot den Transport dioxin haltiger Abfälle (Hamburg stimmte übrigens gegen diesen Beschluß). Boehringer stellte daraufhin im Mai die Produktion des Unkraut Vernichtungsmittels 245 T(Trichlorphenoxyessigsäure)ein. Laut eigener Aussage war das. Werk damit dioxinfrei. Aber weil die Debatte weiterlief, ob es vor dem Mai 1983 alle Abfälle ordnungsgemäß beseitigt oder illegal auf Hamburger Müllkippen abgeladen habe, blieb das Mißtrauen der Umweltschützer wach. Ihrem Drängen konnte sich die Behörde nicht länger verschließen; Anfang 1984 begann sie zu messen. Im sogenannten ZersetzerRückstand des Hexachlorclycohexan (HCH, als Endprodukt unter dem Namen „Lindan" seit 30 Jahren im Handel) fanden sich so hohe TCDDKonzentrationen; daß die Umweltbehörde eingriff. Eine ordnungsgemäße Entsorgung der HCH Abfälle war bis zum 18. Juni nicht zu erreichen - die Konzernleitung entschloß sich, das Hamburger Werk zu schließen.

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