Ein Rest von Hoffnung

Es spukt auf der Prager Burg - zumindest in den Köpfen abergläubischer Atheisten: Sie sehen Gespenster aus dem Vatikan. Zwar ist der polnische Papst weit und seine Kirche in der Tschechoslowakei fast nur noch ein Schatten ihrer salbst, doch drüben im erzbischöflichen Palais auf dem Burgplatz sitzt - furchterregend, obschon isoliert und machtlos - der Kardinal Tpmasek. Zu seinem 85. Geburtstag am 30. Juni werden ihm staatliche Ehren von den gleichen Herren erwiesen, die ihm mit stalinistischer Maske gerade erst bescheinigt hatten, er sei „zu alt, um zu denken"; Denn Tomasek hat Johannes Paul II für 1985 in die CSSR eingeladen, ohne vorher irgendiemandeh zu fragen - auch nicht den Papst, der indes zusagte, zu kommen, „falls es die Umstände erlauben". Sie erlauben es nicht. Das ist den vier anderen Bischöfen und den Kapitelsvikaren der acht seit Jahrzehnten verwaisten Bistümer des Landes vom Ministerpräsidenten Strougal höchstpersönlich erklärt worden. Am 2. Juli wird es der Direktor des staatlichen Kirchenamtes, Vladimir Janku, in Rom seinen vatikanischenGesprächspartnern wiederholen, die - mit gegensätzlichen Argumenten der gleichen Meinung sind. Denn wie könnte ein römischer Oberhirte vor einer Herde versprengter, verängstigter, meist ohne Hirten gebliebener Schäflein auftreten, ohne sich mit den „Wölfen" (auch jenen im Schafspelz) auseinanderzusetzen - und so nur alles noch schlimmer zu machen ?

Noch immer nämlich setzt man im Vatikan Reste von Hoffnung auf den Dialog mit dem Prager Regime. Auch als Ende 1980 der seit 1963 geknüpfte, stets dünne Verhandlungsfaden abriß, ließ Papst Wojtyla stets Gesprächsbereitschaft signalisieren. Manche Prager Kirchenpolitiker, die sich durch ideologische Komplexe nicht den Ver stand rauben ließen, begannen schließlich ein elastischeres Verhalten zu befürworten, auch einlenkende Gesten, die das zunehmend trübe Image der CSSR im Westen aufhellen sollen. Das begann mit der Romreise von Außenminister Chnoupek, dem am 2. Dezember 1983 überraschend die erbetene Papstaudienz gewährt wurde, obwohl noch im Sommer das Parteiblatt Tribuna in Bratislava dem polnischen Pontifex unverblümt „Heuchelei und Zynismus" vorgeworfen hatte. Nun hörte man Chnoupek während der Besichtigung des „Jüngsten Gerichts" in der Sistina versichern, er werde „alles tun", was er könne .

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Inzwischen war der verknöcherte Uraltkommunist Hruza an der Spitze des Kirchenamtes durch Janku, einen jüngeren Mann mit diplomatischen Manieren, abgelöst worden. Er wird Anfang Juli zum erstenmal in Rom mit einer CSSR Delegatipn am Verhandlungstisch sitzen; vorher unternahm er noch eine „Privatreise" nach London, stellte sich dort kirchlichen Kritikern und beteuerte Entspannungsbereitschaft.

Von dieser Bereitschaft war freilich noch wenig zu spüren, als sich der päpstliche Sonder Nuntius, Erzbischof Poggi, am 29. Februar in die CSSR begab : Schon bei der Ankunft auf dem Prager Flughafen wurde dem erstaunten Prälaten eröffnet, man werde nicht in die Stadt, sondern „aufs Land" fahren, auch sei eine Begegnung mit Bischöfen unmöglich. Poggi und sein Begleiter, Pater John Bukovski, setzten mühsam durch wenigstens im Vorbeifahren einige Minuteri den KardinaiTomasek begrüßen zu dürfen. Dann wurden sie achtzig Kilometer südlich von Prag, in Sezimovo Usti, in einer luxeriösen, von Polizei m Zivil umstellten Staats Villa einquartiert. Nur am frühen Morgen durften sie unter dem „Schutz" schwarzer Tatra Limousinen ins nahe Städtchen Tabor fahren, um in einer menschenleeren Kirche die Messe zu zelebrieren.

Als besonders taktvolles Lehrstück fügten die Gastgeber ins Programm noch einen Ausflug zu einem Altersheim bei Lomez, wo die letzten Nonnen der seit Jahrzehnten verbotenen Orden auf den Tod warten. Sonst blieben die Vatikandiplomaten isoliert. Mit Kardinal Tomasek, der zu einer der üppigen Mahlzeiten nach Sezimovo Usti geladen wurde, durften sie :

sich kurz in ein Nebenzimmer zurückziehen, wo - wie in allen Räumen - fast mehr Mikrofone als Glühbirnen in den Kronleuchtern steckten . Ohnehin war alles, was in der Villa geredet wurde, offenes Geheimnis. Gleich zum Auftakt der zweitätigen Klausur ließ die tschechoslowakische Seite keinen Zweifel, daß sie überhaupt nicht verhandeln wollte: Es gehe jetzt nur darum, die Positionen abzustecken. So trug Nuntius Poggi wieder einmal das leidige Problem der Bischofsernennungen vor und bat um Erleichterungen für die beiden, ; vom „Numerus clausus" betroffenen Priesterseminare und für den Religionsunterricht, überhaupt für die von vielerlei Schikanen behinderte religiöse Praxis.

Kirchenamtschef Janku, flankiert und dirigiert von Frantisek Cinolder, dem „Religions ideologen" im Zentralkomitee der KP, erhob in vielstündigem Monolog zwei Hauptforderungen, die bis heute ajs Vorbedingungen wirklichen Verhandeins auf dem Tisch liegen:

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