Jeder nach seinen Bedürfnissen
Wer Einkommen gegen Freizeit tauschen will, muß dies in einer aufgeklärten Demokratie tun dürfen "Davon ist Dieter H.
Vogel, Vorstandsvorsitzender der Pegulan- Werke AG ebenso überzeugt, wie davon, daß sich „auch die organisatorischen Probleme, die mit einer flexiblen Arbeitszeit verbunden sind, mit den heutigen Mitteln bei gutem Willen lösen lassen " Der jugendlich wirkende Chef des PegulariKonzems, der das Unternehmen in den vergangenen Jahren erfolgreich aus einer existerizbedrdlien- den Krise herausgeführt hat, sieht seine Aufgabe nicht nur in einer ständigen Modernisierung der Produktionsanlagen, der Verbesserung alter und der Einführung neuer Produkte und Verfahren. Auch die soziale Innovation ist für Vogel heute eine gleichrangige Aufgabe des Managements. Zusammen mit den anderen Mitgliedern des Vorstands handelt er deshalb nach der Devise, daß zu einer verantwortungsbewußten, zeitgemäßen TJnternehmensführung „auch eine betriebsorientierte, fortschrittliche Gesellschaftspolitik" gehört. Konkret bedeutet dies in der augenblicklichen Xa ge nach Vogels Meinung vor allem, daß neben dem Gesetzgeber und den Tarifvertragsparteien auch die Verantwortlichen in den Unternehmen" sich des Themas Arbeitszeit annehmen müssen. Sie sollten Ideen aufgreifen oder selbst entwickeln und in die betriebliche Praxis umsetzen.
Das Motiv bei Vogel und seinen Vorstandskpllegen ist allerdings weder allein gesellschaftspolitischer Idealismus noch unternehmerischer Egoismus. Der Pegulan Chef ist nämlich davon überzeugt, daß die Vorteile flexibler Lösungen bei der Arbeitszeitgestaltung keineswegs einseitig verteilt sind. Aus der Sicht der Mitarbeiter sind sie vor allem in der besseren Abstimmung der Arbeitszeiten mit den persönlichen Bedürfnissen zu sehen. Das Unternehmen profitiert davon, daß Regelungen, die darauf Rücksicht nehmen, „erfahrungsgemäß zu geringeren Fehlzeiten und einer höheren Produktivität führen Für die Gesamtwirtschaft und vor allem den Arbeitsmarkt schließlich liegt der Vorteil darin, daß mehr Menschen beschäftigt werden können und der Staat für weniger Arbeitslose sorgen muß und gleichzeitig mehr Steuern und Sozialabgaben kassieren kann "
Und „weil dies so ist, gibt der Vorstand hier und heute die Grundsatzerklärung ab, daß dieses Unternehmen jeglichen Aktivitäten auf dem Gebiet der Flexibilisierung der Arbeitszeit offen gegenübersteht und alle verantwortlichen Führungskräfte, in Verbindung mit der Personalleitung uad dem jewzaidigBjebntauffprdertfin r dividuellere Losungen für, <ftej Beschäftigungpvon Mitarbeitern zusuchen , bei einer 1 gemeinsamen Sitzung des Konzerhleitungskreises und Mitgliedern des Betriebsrates. Vier Monate später setzte er dann zusammen mit dem Vertreter der Arbeitnehmer seine Unterschrift unter eine Betriebs Vereinbarung, die vom 1. Juli an den Rahmen für eine möglichst weit reichende Individualisierung der Arbeitszeit bildet. Das Ziel dieses auch von den zuständigen Gewerkschaften der Chemie - und Textilindustrie gebilligten Abkommens ist es vor allem, im Rahmen der gesetzlichen und tariflichen Grenzen „Arbeitszeitregelungen zu finden, die - neben dem Gesichtspunkt der Humanisierung der Arbeit - verstärkt der Schaffung zusätzlicher Arbeitsplätze dienen Erreicht werden soll dies auf drei Wegen: durch einen gleitenden Übergang in den Ruhestand, durch ein größeres Angebot an Teilzeitarbeitsplätzen, durch eine individuelle Gestaltung der Arbeitszeiten überall da, wo Mitarbeiter dies wünschen und die technischen Bedingungen keine unüberwindlichen Hindernisse darstellen.
„Wir haben darauf verzichtet, ein für das gesamte Unternehmen oder auch nur einzelne Bereiche geltendes einheitliches Arbeitszeitmodell zu entwickeln", berichtet Vorstandsmitglied Thomas Ries, zu dessen Aufgabenbereichen das Personalwesen gehört „Die Bedingungen an den einzelnen Arbeitsplätzen und die individuellen Wünsche der Mitarbeiter sind für solche schematischen Lösungen einfach zu unterschiedlich Bei den über zwanzig Konzernfirmen mit insgesamt 5474 Beschäjftigten und 957 Millionen. Mark Umsat?: 1903 werden vor allem KunststoffFolien, Boden- und Wandbelege aas Fasern und Kunststoffs Fliesen und Kunststoff Formteile für die Autoindustrie gefertigt. Einige Werke liegen beispielsweise in Weinbaugebieten. Don haben viele Mitarbeiter ein Interesse daran, während der Weinlese zusätzliche freie Tage zu bekommen. In anderen Betrieben sind Mitarbeiter tätig, die aus zum Teil weit entfernten Ländern stammen. Für sie ist es interessanter, daß sie ein angespartes „Freizeitkonto" für eine Verlängerung ihres Urlaubs nützen können. Frauen mit Kindern wiederuni haben andere Arbeitszeitwünsche als Männer, die mit Rücksicht auf Hobby oder ein Ehrenamt daran Interesse haben, an bestimmten Tagen in der Woche ihre Arbeit früher zu beenden - oder gar nicht in den Betrieb zu gehen ; Am ehesten ist eine Einheitslösung beim gleitenden Ruhestand möglich. Allerdings müssen auch hier die Besonderheiten beachtet werden, die sich aus den unterschiedlichen Tarifverträgen mit den Gewerkschaften der Textil- und Chemieindustrie ergeben.
Das Angebot eines gleitenden Ruhestandes war 1980 der Einstieg von Pegulan in das Thema „flexiblere Gestaltung der Arbeitszeit". Damals war den Mitarbeitern angeböten worden, bei entsprechend niedrigeren Bezügen vom 60. Lebensjahr an iihre Arbeitszeit auf durchschnittlich sechs Stunden und vom 63. Lebensjahr an auf vier Stunden am Tag zu reduzieren; Frauen konnten jeweils zwei Jahre früher von diesem Angebot Gebrauch machen s Aber damit hatten wir nur wenig Erfolg", räumt Dieter Vogelheute ein „Die Einkommenseinbuße war für die meisten Mitarbeiter zu groß Deshalb- wurde etzt zusammen imVdem Betrijrfj rat eine wesentlich günstigere Lösung ausgearbeitet. Sie führt bei den älteren Mitarbeitern, die das Angebot einer schrittweisen Reduzierung der Arbeitszeit annehmen wollen, nur noch zu einer geringen Senkung des Nettoeinkommens, Für aas Unternehmen ist diese Lösung trotzdem und der Staat muß nicht mit so hohen Steuereinbüßen rechnen wie beim vorgezogenen "Ruhestand. Wer wi l, kann allerdings auch mit 58 Jähren aus dem Berufsleben ganz ausscheiden. Ob die älteren Mitarbeiter ihre täglichen Arbeitsstunden reduzieren oder die zusätzliche Freizeit zu vollen Tagen zusammenfassen, bleibt weitgehend ihnen überlassen. Aber auch bei den jüngeren Mitarbeitern sollen in Zukunft so weit wie :
r billiger irgend möglich persönliche Wünsche bei der Gestaltung der Arbeitszeit berücksichtigt werden. Mit einer Mitarbeiterin wurde bereits ein Vertrag geschlossen, der eine monatliche Arbeitszeit zwischen 80 und 172 Stunden vorsieht - je nach ihren häuslichen Verpflichtungen und dem Arbeitsanfall. Im Rechenzentrum arbeitet ein aus Brasilien stammender Operator, der sich Überstunden nicht bezahlen, sondern gutschreiben läßt, um so seinen Heimaturlaub verlängern zu können. In der Tuftingabteilung kommen einige Mitarbeiter freiwillig am Samstag, weil sie mit einem freien Tag in der Mitte der Woche mehr anfangen können.
- Datum 29.06.1984 - 08:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 29.6.1984 Nr. 27
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