Kernig bis ins Krankenhaus
Der Bergarbeiter-Führer Arthur Scargill will die Revolution in England / Von Karl-Heinz Wocker
Wenn Frau Thatcher mich sprechen möchte, soll sie herkommen. So reden in Großbritannien nicht mehr viele. Eigentlich sind es nur zwei Personen, die sich das erlauben könnten. Eine davon - Königin Elisabeth - würde so etwas niemals sagen und braucht es auch nicht, denn zu ihr kommt die Premierministerin sowieso. Der andere ist Arthur Scargill, „King Arthur", Bergarbeiter Boß und Grundsatz Opponent der Regierungschefin. Seine Hofrunde tagt nicht in London, wo die meisten Gewerkschaften ihre Zentale unterhalten, sondern 200 Kilometer weit weg im Norden, in Sheffield. Dort ist Kohle, dort ist er zu Haus. Vielleicht furchtet er auch, vom Hauptstadt Klüngel des Establishments angesteckt und vom rechten, also linken Wege des Sozialismus abgelenkt zu werden. Viermal schon hat die Labour Party ihm ein Parlaments Mandät angeboten, denn ein Mundwerk wie seins, das kann; eine Fraktion gebrauchen: Viermal hat er das aufgeschlagen. Inzwischen kommt keiner mehr und fragt. Arthur Scargill ist langst ;eine Belastung für die Rechten unter den Linken geworden.
Aber das ficht den Gewerkschafter nicht an. Jeder Streik ist für ihn eine potentielle Entscheidungs Schlacht gegen die kapitalistische Regierung Thatcher - in solchen Worten pflegt er das auch zu sagen. Die Femseh Leute wissen: Wo Scargill hingeht, ist viel. Jos- zu geringenKosten. Siebentausend. Streikposten gegen viertausend. Polizisten wie Mitte des Monats in Yorkshire - das sind ja auch Dimensionen, um die selbst ein teurer Regisseur seinen Produzenten lange bitten muß. Vor der Kokerei in Orgreave führte „König Arthur" die Seinen wie üblich selbst an und wurde, wie gewünscht, blessiert aus der Bataille getragen. „Verwundet" wäre ein übertriebener Ausdruck, und ob er stürzte oder ob ein Polizisten Schutzschild nachhalf, das blieb umstritten. Aber schon am Abend sprach er, in adrettem Schlafanzug auf die Kissen gebettet, zur Nation kernige Sätze aus dem Krankenhaus.
Was ist das für ein Mann, der im Augenblick, nach rund 110 Tagen Bergbaustreik, die Regierung und große Teile der öffentlichen Meinung sozusagen auf eigene Faust in die Sehranken fordert? Der Streik, der die Schließung von 20 Zechen verhindern und 20 000 Arbeitsplätze erhalten soll, wäre ohne diesen Generalissimo nicht nur längst zu Ende, er hätte vielleicht gar nicht begonnen. In der Rezession erweisen sich Ausstände auch in England als stumpfe Waffe für die englischen Gewerkschaften. Scargill spürt es am lauen Beistand aus den Reihen der Stahl- und Bahcarbeiter. Wenn sie nicht mitziehen, kann „König Arthurs" Flüstertüte noch so beschwörend vor den GrubenToren erschallen, dann bröckelt die Entschlossenheit in dem Maße ab, in dem die hohe Kante leer wird, Sparkasse und Eckladen nichts mehr von Pump hören wollen und die Rundbriefe des Gegenkönigs Gehör finden, des Chefs der Kohle Behörde, lan MacGregor. Er und Scargill geben einander nichts nach. Die Wand, durch die die beiden nicht glauben zu kommen, die gibt es nicht. Aber Scargill weiß, daß die Lage diesmal anders ist als in den Streiks von 1972 und 1974 gegen die Regierung Heath. Das waren die Tage, da machte er Schlagzeilen mit seinen überall auftauchenden fliegenden Streikposten. Die Yorkshire Berleuxe trügen ihn aufHänden, lir war einer der ihrem Mit 15 Jahren ging Scargill zum ersten Mal unter Tage zur Arbeit „Da habe ich Männer mit einem Arm und einem Bein gesehen, Menschen, die niemals hätten arbeiten dürfen, um ihr Dasein zu fristen", sagte er später „Ich bin fast weggerannt, denn ich dachte: hier kann ich nicht bleiben Er blieb fast 20 Jahre. Sein Vater war länger geblieben.
Aus dieser Zeit, in der er zuerst einmal Kommunist wurde, bezieht er noch heute Autorität und Motivierung. Die KP verließ er mit 23 Jahren, auch dafür hat er, wie für alles, seine Schlüssel Erlebnisse. Sie sind so komplex wie der ganze Mann, den seine Gegner sich lieber in simpler Holzschnittmanier zurecht karikieren. Scargill war dagegen, daß die russischen Dissidenten nicht das Land verlassen durften, aber auch, daß Stalin plötzlich totgeschwiegen wurde. Er hält ihn noch heute für einen großen Volksführer und sein Eingreifen in Ungarn für berechtigt, im Gegensatz zum Einmarsch der Sowjets in Prag. Das Eine, sagt er, sei die Niederwerfung ferngelenkter Koaterrevolutionäre gewesen, das Andere eine unerlaubte Einmischung. Es gibt nichts, wozu Scargill keine Meinung äußert, und wehe dem, zu dem der eine dezidierte hat. Dazu gehören die meisten Labour Führer, aber vor allem Mr. MacGregor und Mrs. Thatcher.
Die sorgen jedoch dafür, daß es sieh vor britischen Zechentoren nicht mehr so leicht siegt. Die Energie Werke haben gelernt, daß man Vorräte haben muß (die hatten sie 1974 nicht). Die Konservativen haben die Gesetze geändert: Theoretisch kann Könjg Arthur jeden Tag festgenommen werden, an dem es- vor einem Betrieb erscheint, zu dessen streikender Belegschaft er nicht selbst gehört. Die Polzei müßte ferner jeden anzeigen, der die Zufahrt behindert, sich zusammenrottet oder Anweisungen erteilt, die den Tatbestand der „Verschwörung" erfüllen, und zu der genügen auf der Insel bereits zwei Personen, da braucht es keine siebentausend.
Noch werden diese Gesetze nicht rundum gegen Scargills Bataillone angewendet. Downmg pel könnten MacGregörs Taktik kaum mehr als sechs Wochen widerstehen. Und Scargill im Krankenhaus, das bringt ihm Sympathien - Scargill im Gefängnis dagegen wäre das Märtyrertum, das ihm Frau Thatcher unbedingt vorenthalten muß. Ihre Rolle in diesem Streik ist dubios genug. Eigentlich wollte sie sich ganz heraushalten, doch das nannte der Economist letzte Woche „Humbug", schließlich sei die Regierung letztlich der Arbeitgeber in einem verstaatlichten Bergbau. Aber eine Indiskretion brachte ans Licht, daß die Premierministerin den Eisenbahnern mehr Lohnerhöhung zubilligen ließ, als es die Sparpolitik eigentlich erlaubte, um sie davon abzuhalten, hinter Scargill einzuschwenken. Wie man sieht: Ein erfolgreicher Schachzug.
Die „Plutonium Blondine" (Scargill über Thatcher) und der „Zechen Schlächter" (Scargill über MacGregor) vertrauen nun auf den „General Zeit". Noch sagen die Umfragen, daß mehr Briten die Sache der Bergleute unterstützen als die der Behörden. Aber Scargill, auch hing coal genannt, ist seiner Anhänger nicht ganz sicher. Von Anfang an hat er nicht alle Kumpel zum Streiken motiviert. Derzeit geht etwa jeder vierte britische Bergmann zur Arbeit, einige Zechen fördern normal. Auch machte er keine gute Figur, als die Frage einer Ur Abstimmung auftauchte. Er war dagegejn, denn, in de n letzten Jahren gab;es da zuvieje Gegenstimmen. MacGregor; erwog vorübergehend, ihm diese Arbeit abzunehmen und alle 180000 Bergleute per Brief „abstimmen" zu lassen. Auf einen Wink der Chefin ließ er das bleiben. „Frau Thatcher wurde mit 46 Prozent gewählt", sagt Scargill gern, „ich habe 70 Prozent bekommen Was er verschweigt, ist, daß die Lady spätestens 1988 nachfragen muß, ob sie weiter gewünscht wird. Er dagegen bleibt unanfechtbar bis zum Jahre 2003, dann hat er mit 65 abzutreten. Die Bergleute sind die einzige große Industie Gewerkschaft der Insel, also modern in der Organisation. Wie sie sich einen so buntschillernden Spitzenfunktionär zulegen konnten, wissen sie heute manchmal selbst nicht mehr. Viele gehen zu einer Massen Versammlung, vor der er sprechen wird, und nehmen sich vor, ihn auszupfeifen. Hinterher klatschen sie.
- Datum 29.06.1984 - 08:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 29.6.1984 Nr. 27
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