Bilder vom Lande Künstlich wiederbelebt
Wie ein rheinischer Galerist eine alte Schule zum Treffpunkt machte / Von Roland Kirbach
Wie kommt ein Mensch nach Ilverich? Am ehesten wohl durch Zufall. Seit der Eingemeindung in den Düsseldorfer Nobelvorort Meerbusch im Jahre 1970 heißt das Dorf postalisch nur noch „4005 Meerbusch 3". Auf größeren Landkarten ist es kaum verzeichnet. Und selbst wer sich zielstrebig auf den Weg macht, muß aufpassen, daß er das einzige Hinweisschild im Nachoarort Lank nicht übersieht. Da geht es rechts ab durch Felder und Wiesen. Nach drei Kilometern Fahrt in der hier beginnenden Niederrhein Landschaft tauchen ein paar alte Bauernhäuser und neueEinfamilienheime auf: Ilverich, mitten ini Ballungsgebiet zwischen Düsseldorf, Krefeld und Duisburg gelegen und dennoch wie in einer Art Bermuda Dreieck versunken.
Wie kommt ein Mensch nach Ilverich? „Ja, das begann mit der berühmten Suche nach dem alten Bauernhaus", erzählt Wolfgang Paul. Das war vor sechzehn Jahren, als er noch Pressechef eines großen Düsseldorfer Warenhaus Konzerns war und mit Frau Angela und zwei Töchtern in einem Reihenbungalow wohnte. Durch Zufall entdeckte die Familie eine Kleinanzeige in einer Düsseldorfer Lokalzeitung: Die Gemeinde Ilverich suchte einen Käufer für ihre alte Schule.
Wie 350 weitere ein- und zweiklassige Dorfschulen in Nordrhein Westfalen war sie 1968 geschlossen worden. Im Regierungsbezirk rDüsseldprf, zu dem Ilverich gehört, waren es allein 35, die alsbald zu Gewerbebetrieben, Volkshochschulen oder Verwaltungsstellen umfunktioniert wurden. Derkleinen Gemeinde Ilverich aber hatte der Düsseldorfer Regierungspräsident zur Auflage gemacht, ihr 1829 im niederrheinischen Stil gebautes und unter Denkmalschutz stehendes Schulhaus keinesfalls „gewerblicher Nutzung zuzuführen". Um so schwerer fiel es den Gemeindevätern, das Gebäude zu verkaufen; um so leichter aber konnten so die Pauls den Dorfoberen ihr Konzept schmackhaft machen: die ehemalige Zwergschule in eine Galerie umzuwandeln.
Zwar mußte Wolfgang Paul mit den Gemeinderäten noch „einen Sack Salz zusammen essen", bis es soweit war. Doch heute, 14 Jahre nach der Eröffnung und nach rund 100 Ausstellungen, gehört die Galerie wie selbstverständlich zum Dorf, wenngleich sie für die 800 Einheimischen nie den Hauch des Exotischen verloren hat.
Für Angela und Wolfgang Paul - die Töchter sind mittlerweile aus dem Haus - ist „Galerie Ilverich" die Verwirklichung eines für viele unerfüllten Traums: unter einem Dach zu leben und, zu arbeiten; die alte Schule ist Domizil und Kunstsammlung zugleich , Links von der Diele gehfs in das Klassenzimmer, dem heutigen Ausstellungsraum, in dem bis auf die weiße Tünche nichts erneuert wurde. Rechts von der Diele liegt das frühere Lehrerzimmer, jetzt ein angeglichener Raum zum Sitzen, Beraten, Essen. Und überall Bilder, Plastiken, Trödelkram und pittoresker Tand. Auch hinterm Haus, im früheren Schulgarten, wird man nachhaltig daran erinnert, wo man zu Besuch ist: Vor dem kleinen Tümpel zwei Sphinx Betonfiguren des Naiv Skulpturisten und ehemaligen Bergarbeiters Erich Boedecker sowie seine berühmte Plastik „Die Stürzende"; in den bunten Blumenbeeten und auf dem Rasen weitere Skulpturen von Nachwuchs- und Gelegenheitskünstlern.
„Wir waren beide schon immer kunstinteressiert", sagt Angela Paul, von Beruf Buchhändlerin und maßgebliche Betreiberin der Galerie, solange ihr Mann noch nicht pensioniert war. Inzwischen ist aus derii privaten Zeitvertreib der beiden so etwas wie; eine Institution geworden. Von einem „rheinischen Worpswede" gar schwärmen Enthusiasten schon. Zumindest den Kunstfreunden aus Düsseldorf und Umgebung ist Ilverich längst zum Begriff geworden. Alle sieben bis acht Wochen, wenn neue Ausstellungen eröffnet werden, stehen die Autos dicht geparkt auf dem früheren Pausenhof, drängen sich zwischen 150 und 200 Interessierte in der alten Schule.
Kürzlich ging eine Schau mit Lithographien und Radierungen von Joseph Beuys zu Ende, die dritte in llverich bereits. Und noch bis 11. August werden, zum zweitenmal, Zeichnungen und Radierungen von Paul Flora gezeigt. In früheren Ausstellungen waren unter anderem Werke von Tomi Ungerer, Kurt Mühlenhaupt, Janosch oder Gottfried Wiegand zu sehen.
- Datum 29.06.1984 - 08:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 29.6.1984 Nr. 27
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