Stemstunde des Musiktheaters: Luc Bondy inszeniert in Brüssel „Cosi fan tutte" Musik vom traurigen Glück
Ein Bericht von der Premiere und den Proben Von Rolf Michaelis
DLuc Bondys Inszenierung nicht in einem Kaffeehaus der Bucht von Neapel, sondern in einem Opernhaus. Was wir als die FortissimoAkkorde der C Dur Ouvertüre hören, vernehmen die drei Männer in der linken Proszeniums Loge des „Theätre de la Monnaie" in Brüssel als letzte Töne einer Opern Aufführung, der sie nicht allzu aufmerksam gefolgt zu sein scheinen.
Man hat es sich leicht gemacht: Die schweren dunkelblauen Garderöcke der beiden jungen Offiziere hängen über den Rückenlehnen der Rokokostühle; auch der Freund der beiden Soldaten, der „alte Philosoph", hat den abgewetzten Rock abgelegt, doch die mit Pelzflecken besetzte Weste und den schmuddeligen Shawl, der mal weiß gewesen sein mag, anbehalten.
In Hemdsärmeln wird nach einer Opernaufführung weiter diskutiert. Wie in italienischen Opernhäusern nicht nur vor zweihundert Jahren üblich, hat man die akustischen durch kulinarische Genüsse bereichert. Wenn die beiden Hitzköpfe den älteren Freund zum Duell fordern, s:eht Don Alfonso auf, schiebt die gezückten Degen der Streithähne zur Seite, holt aus dem Dunkel der in ein Kaffeehaus verwandelten Theaterloge sin Tässchen Espresso, verrührt mit genießenscher Ausdauer den Zucker und entwaffnet die sampflüstern militärischen Freunde mit dem Satz: Duelle fechte ich nur noch bei Tisch aus.
Angeregt vielleicht durch eine Oper von Liebe, Treulosigkeit, Eifersucht, betört womöglich durch den Auttritt einer Primadonna, die noch andere Reize auf die Bühne brachte als die ihrer geschmeidigen Stimmbänder, streiten die Männer über Frauen. Don Alfonso setzt die Wette: Frauen können nicht treu sein, wankelmütig sind sie alle, Da kennt er seine heißblütigen neapolitanischen Freunde schlecht. Die klettern auf die rote Samtbrüstung der Loge, klammem sich an die nacktgoldenen Gipsdamen, die an beiden Seiten mit zierlicher Geste Kerzenbäume halten, beteuern in strahlendem C Dur Duett Nmd doch einstimmig: Nein, unsere beiden Verlobten, zwei Schwestern aus dem norditalienischen Ferrara, sind zwar keine körperlosen Göttinnen, sondern Frauen, doch keine solchen - und werden dabei nicht müde, die leblosen Logenengel zu tätscheln.
Gewettet wird um „hundert Zechinen - und schon malen sich die so leichtfertig den Ruf ihrer Schönen aufs Spiel setzenden Schwadroneure aus, was sie mit dem Gewinn machen werden: Ferran do, Offizier, vor allem aber Tenor, erstüimt wieder die Logen Brüstung, legt den Arm um die Statue mit dem Gipsbusen und schmettert: Una gen. Guelielmo, der Bariton Offizier, läßt es ruhiger angeben. Er tritt mit einem Glas Rotwein an die Brüstung und verspricht seiner Geliebten „ein glänzendes Freudenmanl". Don Alfonso, dem im Schwur Eifer die Perücke vom Kopf gefegt wurde, schlürft lächelnd sein letztes Schlückchen Kaffee. Ob Nachtmusik, ob Festdiner - er wird dabei sein, er hat die Wette schon gewonnen.
Sanft verlischt das Licht der Kerzen Pyramiden in den Händen der Stuckmämsellen, der Vorhang hebt sich, und das Spiel auf der Bühne der „Koninklijke Muntschxmwburg" beginnt - mit der zweiten Szene des ersten Aktes, mit dem morgendlichen Gärtenbild der beiden Schwestern Fiordiligi und Dorabeüa, deren Lob gerade gesungen wurde.
So ungewöhnlich Lorenzo da Ponte und Wolfgang Amadeus Mozart ihre 1790 in Wien zum erstenmal gespielte komische Oper in zwei Akten „Cosi fan tutte oder Die Schule der Liebenden" beginnen - mit der dramaturgisch scheinbar unmöglichen Folge von drei Terzetten für dieselben drei Personen, dieselben drei Männerstimmen - so überraschend, und rasch überzeugend, ist der Anfang von Luc Bondys Inszenierung, seiner dritten Arbeit für das Musiktheater nach Alban Bergs „Lulu" und „Wozzeck", 19771980 in Hamburg. Auch Götz Friedrich hat seine Inszenierung von „Cosi" (Hamburg, 1975) in einem Theater auf der Bühne beginnen Tassen: Die als Lehrstück für Liebende gedachte Aufführung spielte unter Darstellern einer Wandertruppe. Den Regisseur Luc Bondy, 1948 in Zürich geboren, interessiert das Lehrspiel einer „Schule für Liebende" wenig. Fasziniert blickt dieser Cherubino unter den Regisseuren weniger auf als in Menschen. Staunend verfolgt er, was sich verändert, wenn ein junger Mann, der gerade noch für die Geliebte den Degen gezogen hat, einer anderen Frau begegnet. Was geht im Kopf, im Herzen, unter der Haut eines Mädchens vor, das zum erstenmal liebt und plötzlich von einem Unbekannten Worte der Zuneigung hört?
- Datum 29.06.1984 - 08:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 29.6.1984 Nr. 27
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