Theologen und Schriftsteller diskutierten bei der Kieler Woche über den Frieden: Sündige kräftig!
Die erste Nachricht vermeldete wenig Friedens Bewußtsein: Die Sowjetunion, folglich auch die DDR, schließlich auch Polen, Ungarn und Jugoslawien boykottieren in diesem Jahr die Segelwettbewerbe. Aber wer wollte, wenn er schon nicht ins nur kommerzialisierte Olympia Los Angeles fährt, zur Kieler Woche kommen, wenn dort Südafrika (mit einer Jolle und einem Dickschiff) teilnimmt!
Die erste Predigt hielt sich in wphlgesetzten pastoralen Worten an das herkömmliche Problembewußtsein: „Der Friede, den wir unter allen Völkern ausgerufen haben, trägt den Namen des gekreuzigten und auferstandenen Herrn Das wird man in Bagdad und Teheran ebenso verstanden haben wie m Kabul und Managua; Reagan und Tschernjenko grüßen einander jetzt mit einem fröhlichen „Sein Name sei gelobt in Ewigkeit!" Die ersten Verlautbarungen aus Militär und Wissenschaft waren da schon konkreter. Die „Abschreckungskraft" der NATO sei „auf See und an den Flanken" sowohl in Nordeuropa wie im Mittelmeer „viel geringer als an der deutsch deutschen Grenze", ließ der im Rang der Verteidiger Zweithöchste, Konteradmiral Wellershoff, wissen. Umgekehrt formuliert, daß nämlich an der deutschdeutschen Grenze viel stärker, hört sich das längst nicht so beunruhigend an.
Die erste Abfuhr holte sich ein Bonner Politiker: Norbert Gansei mußte erfahren, daß es in Kiel, wo fast ein Sechstel der Beschäftigten in der Rüstungsindustrie arbeitet, gefährlich ist, eine allmähliche Umstellung der Produktion von Kriegsmaterial auf zivile Güter zu fordern und diesbezügliche Hilfen des Staates als Zeichen glaubwürdiger Friedenspolitik zu deuten. Schließlich können wir nicht, da hat der Minister Westphal ganz recht, den Entwicklungsländern vorschreiben, bei uns oder anderen Waffen zu kauBei der ersten Attacke auf den von den Kirchenlehrern Augustinus und Thomas akzeptierten „gerechten Krieg" zeigten sich Theologen und Juristen eines Sinnes: Wir sind „auf dem Weg von der Lehre vom gerechten Krieg zur Lehre vom gerechten Frieden" (Trutz Rendtorff). Zum einen ist das „Recht der Staaten zum Krieg" aufgegangen in der „Friedenssicherung der Vereinten Nationen" (Jost Delbrück) - was den Falkländern und Grenadassen wie den Menschen in Beirut endlich einmal gesagt werden mußte. Zum anderen unterliegt es „erheblichen Zweifeln", ob Kernwaffen „dem Gebot der Verhältnismäßigkeit der Mittel entsprechen" - nur wer wird darüber nach einem Erstund Zweitschlag noch entscheiden?
Erste Zweifel an der Legitimität von Funktionären, Verbindliches über das Selbstverständnis ihrer Berufsgruppen zu äußern, mußten kommen, als Bernt Engelmann das gewiß so verwunderliche wie erklärbare Feindbild Rußland vom Tisch zu fegen suchte mit der Feststellung, die Geschichte kenne keinen Fall einer wirklichen Aggression Rußlands auf Deutschland. Alle Dissidenten und Emigranten, alle Tschechen, Ungarn und Afghanen wird das trösten.
Da ist die Sachlichkeit zu loben, mit welcher der Polithistoriker Peter Jahn „Feindbilder" abzuleiten versteht aus dem „realen Erfahrungshintergrund als der scheinbaren Bestätigung der Bilder", ihre „gezielte Manipulation" deutet als „Herrschaftsinstrument", ein „psychisches Bedürfnis nach kollektiven Feindbildern" konstatiert. Eine Aufarbeitung dieser Bilder, nicht ihre Verdrängung, steht aus, ist aber dringend nötig; alles andere ist „politische Barbarei".
Zu loben und zu bewundern aber vor allem die Redlichkeit, Überzeugungskraft und Demut, mit welcher der frühere Magdeburger Bischof Werner Krusche das „Stuttgarter Schuldbekenntnis" der Kirche von 1945 weiterdenkt, zu einem erneuerten Bewußtsein des zwischen Krieg und Frieden Schuldig werden Könneris, ja: Müssens kommt, aber den Mut zum Risiko der Entscheidung verlangt als Fortführung des Lutherschen „Pecca forgegen den Dienst mit der Waffe, den gewaltlosen Widerstand, die Arbeit in einem Rüstungsbetrieb) zu entscheiden - und traue es Gott zu, daß er Möglichkeiten hat (das Schlimmste zu verhindern), an die du noch nicht zu denken gewagt hast. Heinz Josef Herbort
- Datum 29.06.1984 - 08:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 29.6.1984 Nr. 27
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