Zauberer im Kabel-Zirkus
Tn der Werbebroschüre zur Hebung des eigenen l Images, die Postminister Christian SchwarzJLSchiUing zu Beginn dieses Jahres von seinen Beamten unters Volk streuen ließ, stehen viele schöne Sätze von ihm über ihn - etwa dieser: Ein christlicher Politiker wie Schwarz Schilling „ist durch sein Menschenbild nicht darauf angelegt , letzte Vollkommenheit zu erzwingen oder absolute Ziele zu verkünden oder letzte Wahrheiten zu beweisen, denn er weiß um die Unvollkommenheit dieser Schöpfung und den Irrtum der Menschen".
Daß dies nur allzu wahr ist, wurde SchwarzSchilling vor wenigen Tagen bewiesen. Das oberste Ziel, für das der erste Medienpolitiker auf dem Chefsessel der Bundespost seit seinem Amtsantritt im Herbst 1982 unablässig getrommelt hat, gilt nämlich plötzlich nicht mehr: Die Verkabelung der Republik mit Kupferadern bis zu jedem Haushält zwischen Flensburg und Friedrichshafen ist passe.
Die abrupte Kabel Wende kommt, wen wunderts, nicht aus ministerieller Einsicht in einen Irrtum, sondern ist praktisch durch ein Gutachten des Bundesrechnungshofs erzwungen, das dem Postminister dicke Recheföhlefnächweist (siehe Kasten: „Die Fehler des Ministers") Quintessenz des peinlichen Prüfungsberichts: Die Verkabelung der Bundesrepublik wird viel teurer als SchwarzSchilling bisher immer behauptete, und der Post drohen deshalb künftig saftige Verluste.
Nicht neu, aber wichtig für das, was nun kommt: Das Auslegen der Kupferadern kostet pro Haushalt dort am meisten, wo die Besiedlung am dünnsten ist - auf dem platten Land. Umgekehrt können Haushalte in den Großstädten am billigsten ans Kabel angeschlossen werden.
Um seine Planzahlen - und womöglich seinen Ministersessel - zu retten, verfiel Schwarz Schilling nun auf einen typischen Politiker Trick: Er schusterte den Plan heimlich um und tat einfach so, als sei nichts gewesen. Damit war im Handumdrehen aus einer zu teuren und defizitären flächendeckenden Vollverkabelung mit Kupfer eine kleine Lösung geworden, die der Post womöglich rote Zahlen erspart.
Naßforsch, wie es seine Art ist, leugnete der Postminister in der vergangenen Woche öffentlich sogar, daß je eine Vollverkabelung geplant gewesen sei. Als ob es sich um irgendein absurdes Ansinnen der Opposition und nicht um ein selbst jahrelang verfolgtes Ziel handelt, läßt SchwarzSchilling in der offiziellen Stellungnahme zur Rechungshof Kritik erklären: Angesichts der unterschiedlichen Besiedlungsdichten „ist es kaum vertretbar, eine Vollverkabelung der gesamten Bundesrepublik durchführen zu wollen. Das hatte die Deutsche Bundespost übrigens auch nie vor " Schwarz Schilling hatte es vor, aber affenbar gilt auch für ihn ein vollmundiger Satz eigener Produktion: „Es fehlt der Mut einzugestehen, daß auch Politik von der Bruchstückhaftigkeit unseres Wissens geprägt ist von der Beschränktheit des Menschen "
Die Niederlage und mangelnde Wahrheitsliebe des gegenwärtigen Ppstministers bestätigt der Parteibruder und medienpolitische Sprecher der CDUCSU Bundestagsfraktion, Dieter Weirich, mit der gebotenen Vorsicht: „Ich glaube, daß in der Vergangenheit vom Postminister der lindruck erweckt worden ist, daß es Um, eine Totalverkabelung der Bundesrepublik Deutschland geht" „Natürlich wollte Schwarz Schilling die Totalverkabelung", sagt auch Frank Müller Römer, Technischer Direktor des Bayerischen Rundfunks (BR) „Die Post hat das Kabel extra als eir en neuen Fernmeldedienst eingeführt", erläutert MüllerRömer. Ein solcher Dienst müsse aber rein gesetzlich überall im Bundesgebiet angeboten werden nicht nur in Ballungsgebieten.
- Datum 29.06.1984 - 08:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 29.6.1984 Nr. 27
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