Zeitmosaik

Vor Jahren, in den heroischen Zeiten der Kulturkritik, kämpfte man gegen die Bestsellerliste, die der Spiegel wöchentlich publizierte. Sie verdoppele das, was ohnehin gang und gebe sei, und reduziere die Chancen der schwierigen und notwendigen Bücher. So etwa lautet das wichtigste Argument gegen die Bestsellerliste. Sie hat sich gegen alle Widerstände behauptet, wie ja zumeist das Unvernünftige, gegen die Vernunft resistent und daher besonders beliebt ist, ob es sich nun um Auto Crash oder Coca Cola, um Breakdance oder um Ehebruch handelt. Nun aber, seit einiger Zeit und offenbar ziemlich unbemerkt, ist die Bestsellerliste dabei, sich selber ad absurdum zuführen und, nachdem sie alle Attacken überlebt hat, einem kläglichen Selbstmord entgegenzugehen. Man weiß nämlich immer häufiger nicht mehr (schlägt man den aktuellen Spiegel auf): ist das die neue Liste, ist es die der Vorwoche oder die des Vormonats? Immer steht Michael Ende an der Spitze, seit Jahren schon, dicht gefolgt von Umberto Eco und Frau Allert Wybranietz und ihren Gedichten. Jahraus, jahrein diese wackere Trias, und Variationen ergeben sich allenfalls dadurch, daß Ende, wie in diesem Frühjahr, ein neues Buch schreibt und sich selber den Spitzenplatz streitig macht. Der nachlässige Leser Hat inzwischen begriffen, daß Ende EoHWybranietz die größten sind und daß an ihnen kein Weg vorbeiführt, es sei denn hartnäckiges und gezieltes Nicht Lesen. Einem Lottoziehungsgerät, daß jede Woche immer dieselben Zahlen ins Körbchen rollen läßt, schaut kein Mensch mehr zu. Die Bestsellerliste strahlt den moribunden Reiz einer Schallplatte aus, in die sich der Saphir festgefressen hat. Der kulturelle Ausbau der Bundeshauptstadt Bonn geht geschwinde voran. Jetzt hat die Bundesregierung eine Vorentscheidung getroffen; sie wurde sich einig, daß das „Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland" sowie eine Kunst- und Ausstellungshalle im Regierungsviertel plaziert werden sollen (und daß man nun die eigentlichen Kulturhoheitsträger, die Länder, besonders das „Sitzland" Nordrhein Westfalen über die geplante Kulturstiftung mit zum Bezahlen herankriegen muß). Das dritte Projekt, an dem unserem Kabinett besonders viel liegt, soll sogar ganz in der Nähe der Abgeordneten, gleich beim „Langen Eugen" gebaut werden: eine nationale Mahn- und Gedenkstätte für die Opfer des Krieges und der Gewaltherrschaft. Endlich bekämen dann unsere Staatsmänner und frauen die Möglichkeit, die ausländischen Staatsmänner und frauen beim Besueh ifir JföfflKÄn s1zu:

< iasseni was sie woanders dieniförnÖerteDielieKthaffhiederiegen zu lassen und sodann, Zeichen äußerster Teilnahme, die Schleifen zu ordnen, wenn sie auch gar nie in Unordnung geraten - ein Rest aktiver Trauer. Schon vierzig Jahre danach geschieht das. Man erkennt daran, wie schnell unsere Politiker gemerkt haben, daß ihnen irgendetwas gefehlt hat.

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„Die Fusion der Ullstein Verlage und der Langen MüllerHerbig Verlagsgruppe trifft die Branche wie der Blitz aus heiterem Himmel", schreibt das Branchenblatt Buchreport „Blitz" ist sicherlich übertrieben und „heiter" sowieso. Vielleicht könnte man es mit folgender Metapher probieren: Die Fusion fällt auf die Branche wie ein faules Ei aufs blaue Auge. Muß aber nicht sein. Jedenfalls folgt daraus, daß ab sofort (vorbehaltlich der Zustimmung des Kartellamtes) die Verlage Ullstein, Ullstein Taschenbuch, Propyläen, Gebr. Mann Verlag, Deutscher Verlag für Kunstwissenschaften, Amalthea, Mary Hahns Kochbuch Verlag, Herbig, Kristall, Längen Müller, Lentz Limes, Mahnert Lueg, Molden Seewald, Nymphenburger, Universitas, Verlag „Die blauen Führer" und Wirtschaftsverlag Langen MüllerHerbig eine einte im Besitz von Herbert Fleissner und Axel Springer. Das ist nun kein Fall von Schularithmetik, wo Minus mal Minus Plus ergibt, wo also die verlegerisch literarisch eher kärglichen Leistungen der beiden Verlagsgruppen sich gegenseitig steigern könnten, sondern ein Fall von Konzernbildung (etwa 70 Millionen Umsatz), der eine beachtliche Masse an Titeln, Autoren und Rechten zusammenschmeißt. Ob dieser Hochzeit ein Polterabend folgt?

Bei einem Autounfall starb am 16. Juni der 5J, jährige Kieler Kunstprofessor Harald Duwe. Weder Kindlers Malerei Lexikon, noch der neue Kunst Brockhaus, nicht einmal das in der DDR verlegte Lexikon der Kunst haben ihm einen Artir kel gegönnt. Und doch war Harald Duwe kein unbekannter Maler. Seine zynischen Bilder einer fetten, faulen Wohlstandsgesellschaft, die zwischen hochpolierten Autos und Konservendosen in ihrem Müll versinkt, der beständige Fingerzeig auf Folter, Krieg, zerquälte Menschen und verschlampte Natur, sie konnten ihm keinen Ruhm einbringen. Er malte schlagwortartig, plakativ, deutlich, nicht ästhetisch. Jahrelang schlug er sich mit Gelegenheitsarbeiten durch: Porträtaufträge, Glasfenster für Altersheime, Wandbilder für das Klärwerk Den herrschenden Kunsttendenzen machte er keine Konzessionen und verzichtete darauf, sich dem Kunstrummel anzudienen. Gute Hamburger Lokalgröße" zu sein, höher war sein Anspruch nicht.

„Machen wir auf den Verleger aufmerksam", lautete der letzte Satz des Artikels von Christoph Meckel über die Gedichte Ralf Rothmanns in der Zeit vom 22. Juli. Genau dieses wurde vergessen. Wir bitten um Entschuldigung und tragen also nach: „Kratzer", Gedichte; Verlag Harald Schmid, 1000 Berlin 10, Röntgenstraße 7; 64 S, 15 - DM. also

 
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